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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

04.10.2019

Aber wer hat schon einen so grossen Glauben?

Foto:  Erich Kraus

Foto: Erich Kraus

Manchmal sind Aussagen der heiligen Schrift wirklich nicht leicht zu verstehen. So an diesem Sonntag: Wie soll Glaube einen tief verwurzelten Maulbeerbaum oder gar Berge versetzen können? Da übertreibt doch Jesus! Widerspricht das nicht den Gesetzen der Natur? Das kann doch kein vernünftiger Mensch glauben, selbst dann nicht, wenn das Wort vom versetzten Baum oder Berg nur ein Bild sein sollte.

Wozu kann Glaube überhaupt gut sein? Was kann Glaube schon an Wundern wirken, so die Fragen kritischer Menschen heute? Oft hört man: Glauben heißt, nichts wissen. Glaube wird gern abgetan als Kinderglaube oder dem Reich der Phantasie zugeordnet. Aber ist nicht der Glaube ein Instrument, auf das Unzählige jeden Tag bauen? Der Glaube an die Zuverlässigkeit der Mitarbeiter im Betrieb oder auf einer Baustelle. Der Glaube an die Treue des Partners in einer Freundschaft oder Ehe. Und begeistert nicht derzeit der Glaube eines schwedischen Mädchens namens Greta Massen von Jugendlichen für die Idee eines besseren Klimaschutzes? Ein Glaube, der mittlerweile auch die Großen der Politik wachgerüttelt hat. Ist also Glaube doch eine nahezu bergeversetzende Macht, ähnlich der Macht Gottes, unseres Schöpfers? Aber wer hat schon einen solch großen Glauben? 

So groß muss er gar nicht sein. Es genügt schon, wenn er so groß wäre wie ein Senfkorn, sagt Jesus. Es ist das kleinste aller Samenkörner. Aus ihm kann aber ein großer Strauch oder Baum werden. Hatten nicht auch unzählige Heilige einen solchen Glauben? Auch viele verfolgte Christen und Märtyrer unserer Tage? Weil aber schon die Jünger Jesu spürten, wie schwach ihr Glaube ist, bitten sie Jesus im Evangelium: „Herr, stärke unseren Glauben!“ Um einen starken Glauben betet auch Paulus in der Lesung für seinen Schüler Timotheus. Hier haben wir bereits ein sehr frühes Zeugnis für die Übertragung des kirchlichen Amtes durch Handauflegung mit Bitte um das Kommen des Heiligen Geistes. Immer neu aber kann bei Amtsträgern wie bei jedem Christen die Glut dieses Geistes erlöschen oder auch Feuer fangen. Fängt sie Feuer, dann bleibt der Glaube stark, wie Paulus an seinen Schüler schreibt. Ein solcher Glaube überwindet alle Feigheit, er feuert die Liebe an und schenkt das rechte Maß an Besonnenheit und Vernunft. Glaube also im christlichen Verständnis kein Kinderglaube und keine Phantasterei? Eher schon ein bodenständiger Glaube, der sich der Liebe genauso wie der Vernunft verpflichtet weiß. Ein Glaube, der maßvoll und besonnen handelt. Dieser Glaube ist, wie ich meine, ein äußerst kostbares Geschenk für unsere auf-gewühlte und manchmal konfuse moderne Welt.  Er wurde einst dem Timotheus anvertraut genauso wie der Kirche und jedem Christen heute. Wir bewahren dieses Geschenk und diesen Schatz, wenn wir uns unseres Glaubens nicht schämen, sondern ihn leben. Dann aber könnte es durchaus passieren, dass auch heute unser Glaube „Bäume und Berge“ versetzen kann.

Richard Distler, Pfr. i. R., Kirchenzeitung Nr. 40 vom 06. Oktober 2019


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