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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

02.02.2018

Auszeit – Die Seele nachkommen lassen

Foto: Erich Kraus

Foto: Erich Kraus

Jetzt bräuchte ich eine Auszeit“, so meinte vor kurzem ein arg gestresster junger Mann. „Dann nimm sie dir doch“, forderte ich ihn auf. „Wenn das so einfach wäre“, sagte er etwas nachdenklich. Gewiss kann sich nicht jeder eine Auszeit leisten. Weder die Mutter mehrerer Kinder, auch kein Vater, der voll im Beruf steht, auch nicht jeder Arbeitnehmer. Dennoch: Wenn der Stress mal zu groß wird, dann wird es höchste Zeit für eine Unterbrechung.

Auch Jesus nimmt sich im Evangelium eine Auszeit. „Er ging an einen einsamen Ort, um zu beten“. Hinter ihm liegt der Kampf mit allerlei Krankheiten und der Kampf mit den sogenannten Dämonen, jene „Aber-Geister“, die Menschen in ihren Bann halten. Bei so viel Elend braucht auch Jesus eine Auszeit. Aber was macht er? Er geht in die Stille, sucht die Einsamkeit und ist im Gebet ganz beim Vater. Dann aber ist er wieder bei den Menschen.

Ein Lebensmodell auch für uns? Warum nicht mal schweigen und beten, auch mal abschalten, auftanken und die Seele nachkommen lassen? Aber wie? Angebote gibt es derzeit genug: Besinnungstage, Exerzitien im Alltag, Herzensgebet, Einkehrwochenenden, Wanderungen mit der Bibel im Rucksack und vieles mehr. Aber braucht es nicht schon Mut allein für eine nur kurze Auszeit: Für eine stille Stunde am Abend ohne Fernsehen, wo man ein Buch liest oder Musik hört? Und wäre nicht auch die Sonntagsmesse eine solche Auszeit, eine Unterbrechung, wo wir uns fragen: Welchen Gedanken kann ich mitnehmen? Was ist mir wichtig und was ist zweitrangig? Wie kann ich meine Beziehung zu Gott festigen? Solche Momente sind Kraftquellen und Tankstellen, die uns davor bewahren, ins Rotieren zu geraten. Wenn also selbst Jesus eine Auszeit braucht, warum nicht auch wir? 

Eine Schülerin, die mit ihrer Klasse an Tagen der Orientierung teilgenommen hatte, sagte mir: „Es war einfach cool, diese Auszeit. Ich war in mir so zerrissen, fast depressiv. Aber jetzt habe ich wieder den Frieden mit mir und mit Gott gefunden.“  Bei Jesus kommen zwei Momente zusammen: Er stellt sich den unreinen Geistern und anderen Krankheiten. Höchstpersönlich besucht er die „fiebrige Schwiegermutter“ des Petrus. Doch woher das Fieber? Ist es eine echte Influenza oder doch Wut und Eifersucht, weil Jesus plötzlich ihren Schwiegersohn beansprucht? Jesus richtet sie auf, er macht sie gleichsam zu seiner Jüngerin. Dann aber die Auszeit: Er geht zurück zur Quelle, taucht ein in die Gegenwart des Vaters und vergewissert sich seiner Berufung und Sendung. 

Manchmal beschert uns das Leben selbst eine Auszeit, aber ungewollt. Da werfen uns Krankheit, Leid oder der Tod aus der Bahn. Wer kennt da nicht die Frage: Warum passiert das mir? Warum lässt Gott das zu? Diese Frage stellt sich auch Hiob: Er erfährt die brutale Flüchtigkeit und Nichtigkeit des Lebens, das nur „ein Hauch“ ist. So in der ersten Lesung. Warum? Sieben seiner Kinder und seine Frau sind ihm weggestorben, er selbst von Aussatz gezeichnet. Hiob wehrt sich gegen das Leid, er diskutiert mit Freunden und klagt Gott an. Das braucht viel Zeit. Doch am Ende hält er an Gott fest.

Liebe Leser, ich wünsche Ihnen, dass auch Sie sich immer wieder eine Auszeit gönnen und trotz aller Widrigkeiten des Lebens an Gott festhalten.  

Msgr. Richard Distler, Kirchenzeitung Nr. 5 vom 4. Februar 2018

 

Richard Distler wurde 1946 in Röckersbühl geboren. Er kam als Bub ins Knabenseminar nach Eichstätt und begann dort nach dem Abitur mit dem Theologiestudium, das ihn auch nach Tübingen und Regensburg führte. Die Priesterweihe erhielt er 1972. In seiner Kaplanszeit war Distler tätig in Hilpoltstein, Nürnberg-Langwasser und im Studienseminar St. Richard in Eichstätt. Nun Jahre lang war er Pfarrer für Hitzhofen, Hofstetten und Lippertshofen, 1989 verlieh man ihm die Hofpfarrei in Neumarkt. 28 Jahre war er dort Pfarrer, 24 Jahre zugleich Dekan des Bischöflichen Dekanats Neumarkt/Oberpfalz. Seit September dieses Jahres verbringt er seinen Ruhestand in Meckenhausen, von wo aus er vor allem an den Wochenenden Seelsorgeaushilfen macht.

Lesungen zum 5. Sonntag im Jahreskreis

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 32/33 vom 12./19.08.2018

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