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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

19.05.2017

Das göttliche Maß menschlichen Tuns

Foto: Erich Kraus

Nach christlicher Überzeugung hat Gott alles, was er dem Menschen anvertraut, mit einem Maß verbunden. Wer dieses Maß missachtet, schadet sich und anderen. Gott lässt uns darum in seinen Geboten das rechte Maß erkennen zum Wohl der Welt. Dennoch steht es mit ihr nicht zum Besten. Das erfahren wir immer wieder aufs Neue. Die Welt ist von menschlicher Maßlosigkeit gezeichnet: von Lüge, von Gewalt, von Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit. Bei allem, was der Mensch heute weiß und kann, gelingt es ihm kaum, solche Missstände zu verändern. Bereits der Verfasser des Psalms 104 ist davon überzeugt, dass dies nur mit der Hilfe Gottes möglich wird. Darum wendet er sich an Gott mit der Bitte: „Sende aus deinen Geist und das Antlitz der Erde wird neu“ (Ps 104,30).

Dem entsprechend heißt es darum, Maß zu nehmen an Gottes Geist im Umgang mit Mensch und Schöpfung. Der Geist Gottes gibt der Erde und den Kreaturen ihr Gesicht. Martin Luther sagte einmal: „Gott hat sein Geheimnis in die Bäume geschrieben, nicht allein in die Bücher.“ Er erkennt: In dem Augenblick, da der Mensch denkt, er hat den Geist der Wahrheit für sich gepachtet, nimmt er den Geist Gottes in den Geschöpfen nicht mehr wahr und geht geist-los und maß-los damit um. Er erliegt der Versuchung, nach eigenem Gutdünken mit der Schöpfung zu verfahren, sie auszubeuten und zum Objekt der eigenen Begierden zu machen. Dieses willkürliche Handeln gegenüber dem göttlichen Maß, wird ihm zum Verhängnis. Mitmensch und Umwelt leiden darunter. Die Klimakatastrophe ist dafür ein Beispiel mit ihren verheerenden Auswirkungen wie der anhaltenden Dürre in Teilen Afrikas oder den Überschwemmungen in Teilen Südamerikas. Bestimmt dagegen das göttliche Maß unser menschliches Tun, wird es uns zum Segen. Im Beachten der Gebote Gottes zeigen wir unsere Liebe und Wertschätzung Gott gegenüber und zugleich dem gegenüber, was er geschaffen hat. Wo Gott ins Spiel kommt in unserem Leben und Wirken, werden wir fähig, das Gesicht der Welt zu erneuern.

Im Evangelium verheißt Jesus seinen Jüngern einen Beistand, damit sie in der Welt zurechtkommen und sie im Sinne Gottes gestalten: „Es ist der Geist der Wahrheit.“ Er lässt uns den Sinn der Gebote Gottes erkennen und seine Weisheit, die aus ihnen spricht. Die Welt lügt sich in die eigene Tasche, wenn sie glaubt, ohne Rücksicht auf das Maß der Gebote Gottes mit Mensch und Schöpfung umgehen zu können. Eine der 12 Leitlinien der Charta Oecumenica für die wachsende Zusammenarbeit der Kirchen in Europa lautet: „Die Schöpfung bewahren“. In Verantwortung vor dem Schöpfer verpflichten sich die christlichen Kirchen Europas, einen Lebensstil zu entwickeln, der auf verantwortbare und nachhaltige Lebensqualität Wert legt. Auch künftige Generationen haben einen Anspruch auf die Güter der Erde und sollen noch gut leben können. Der Geist der Wahrheit ist uns gegeben, die Welt als ein uns anvertrautes kostbares Gut zu sehen. Dank dieses Beistandes von oben sollte es uns nicht an Bereitschaft und Mut fehlen, das Antlitz der Welt dort zu erneuern, wo es durch egoistische menschliche Machenschaften verwundet ist.

Alois Ehrl, Domkapitular em., Kirchenzeitung vom 21. Mai 2017

Alois Ehrl. Foto: Michael Heberling

Alois Ehrl, geboren 1945 in Hammern bei Budweis, wurde 1972 zum Priester geweiht. Er war Kaplan in Wassertrüdingen, Nürnberg und Wemding. 1983 wurde er Pfarrer in der Nünberger Pfarrei Maria am Hauch, 1998 übernahm er schließlich die Leitung der Pfarrei St. Sebald in Schwabach. 2011 wurde Ehrl Dekan des neu konstituierten Dekanats Roth-Schwabach. Seit 1997 war er außerdem Eichstätter Domkapitular. Als stellvertretender Vorsitzender der Ökumene-Kommission des Bistums Eichstätt vertrat er das Bistum auch in der AcK. Seit August ist Ehrl im Ruhestand.

Lesungen zum 6. Sonntag der Osterzeit am 21. Mai 2017

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