Zum Inhalt springen

Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

12.12.2018

Den Glanz im Unvollendeten erahnen

Foto: Klaus Kreitmeir

Foto: Klaus Kreitmeir

Kennen Sie das auch? Wir arbeiten, plagen und mühen uns. Vieles gelingt, aber nicht alles. Manches bleibt unvollendet wie die „Unvollendete“, die berühmte Sinfonie des Komponisten Franz Schubert. Er konnte sie nicht mehr zu Ende bringen, der Tod kam dazwischen.

Ist das nicht auch so mit unserem Leben? Oft gelingt uns nur das Vorläufige. So mancher wollte ein Haus bauen, seinen Betrieb vergrößern oder noch einige Reisen machen: Aber eine Krankheit, ein Schicksalsschlag oder der Tod kamen dazwischen. Dieses Unvollendete und nur Vorläufige im Leben schmerzt uns, wenn wir um den Glanz und um die Freude am Vollendeten gebracht werden.

Für die Kirche ist der Advent die Zeit der Vorläufigkeit. Sie veranschaulicht uns das an der adventlichen Gestalt Johannes des Täufers (unsere Abb.). Im Gefängnis zweifelt er, ob Jesus wirklich der kommende Messias ist. Er tappt im Dunkeln. Jesus gibt ihm nur Zeichen: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein. Johannes selbst ist nur Vorläufer als Botschafter des Messias. Auch die Kirche ist nicht das Endgültige, sondern nur die Vorbotin dessen, was kommt, die Botschafterin des Ewigen, die Botschafterin des Reiches Gottes. 

Weil aber Jesus bereits den Keim des Himmelreiches in den Schoß der Welt und in unsere Herzen gesenkt hat, deshalb erwacht in uns immer neu die Sehnsucht nach dem, was kommen wird. Das, was kommt, ist unseren Augen aber noch verborgen. Da tappen auch wir noch im Dunklen. Es ist in seiner ganzen Größe und Schönheit noch nicht sichtbar. Aberworan merken wir, dass da etwas Neues auf uns zukommt?

Der Glaube hat dafür ganz bestimmte Zeichen und Worte. Es sind die verheißungsvollen Worte der heiligen Schrift. Sie spricht vom großen Gastmahl und Hochzeitsmahl und vom Kommen des Menschensohnes in Macht und Herrlichkeit. Auch die Sakramente sind solche Zeichen, die uns einen ersten Vorgeschmack kommender Herrlichkeit geben.

Der Advent ist dazu da, um uns im Warten und Ausharren zu üben, um alles Vorläufige im Leben annehmen zu können. Der Advent ist ähnlich dem geduldigen Warten des Bauern auf die Ernte. Auch er kann nicht eingreifen, sondern muss warten und zusehen, bis die Kraft des Bodens, der Sonne und des Regens die Saat wachsen und reifen lässt. Weil Johannes wusste, dass er nur Zeugnis vom kommenden großen Licht zu geben hat, sagt er von sich selbst: „Ich bin nur die Stimme eines Rufers in der Wüste!“ Auch die Kirche ist nur die Stimme einer Rufenden. Sie ist nur das Vorläufige, hat aber zu verkünden: „Es kommt noch das ganz Große, das strahlende Reich Gottes“. 

Übrigens: Die Unvollendete von Schubert ist sogar ein Glanzstück der Musik geworden. So ist mein Wunsch an Sie, liebe Leserinnen und Leser: Adventliche Stimmung und der Glanz der vielen Adventslichter sind nicht alles: Gehen Sie einfach in die Stille. Folgen Sie Ihrer inneren Stimme, die in Ihnen und in ihrem Leben neu eine Sehnsucht nach dem Kommenden erwecken kann.

Richard Distler, Pfr. i. R., Kirchenzeitung Nr 49 vom 2. Dezember 2018

 

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 12 vom 24.3.2019

Kontakt / Abo

Kirchenzeitung für das Bistum Eichstätt
Verlag und Redaktion
Sollnau 2, 85072 Eichstätt
Tel. (08421) 50-810
Fax (08421) 50-820
verlag(at)kirchenzeitung-eichstaett(dot)de
redaktion(at)kirchenzeitung-eichstaett(dot)de
anzeigen@kirchenzeitung-eichstaett.de



Bezugspreise (ab Jan. 2018): Durch die Agentur (Pfarramt) monatlich 7,50 € (6,35 € einschl. 7 % MWSt. + 1,15 € Zustellgebühr); durch die Post monatlich 8,25 €; Einzelnummer 1,80 €.