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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

26.08.2016

Die aufgehobene Rangordung

Der heilige Franziskus – in den Augen der Leute ein Verrückter. Foto: Heberling

Der heilige Franziskus – in den Augen der Leute ein Verrückter. Foto: Heberling

Oberflächlich betrachtet handelt es sich heute um kluge Tischregeln, durch die man zum gefälligen und gern gesehenen Gast wird. Aus einer tieferen Sicht geht es um mehr.

Hierher gehört eine Erzählung vom heiligen Franziskus. Er wurde von seinem Freund, dem Kardinal Hugolino, zu einem Essen mit den Vornehmen der Stadt eingeladen. Plötzlich war er verschwunden. Er kam wieder mit einem Sack voller Schwarzbrote, die er im Armenviertel erbettelt hatte, und „gab sie jedem der Gäste mit heiterem Gesicht“. Darüber war sein Gastgeber nicht wenig verlegen. Wie passt das verdorrte Brot, noch dazu ein schwarzes auf den sauber gedeckten Tisch mit ganz anderen Gaben?

Das war mehr als Bruch der Etikette, auch mehr als eine Provokation in dem Sinn: Die feinen Herren sollen auch einmal wissen, wie das Brot der Armen schmeckt. Die Gäste nehmen es dem Heiligen gar nicht übel.

Für  Franziskus ist ein erbetteltes Brot, das um der Liebe Gottes willen gegeben wird, eine Kostbarkeit, er spürt darin unmittelbar die Nähe Gottes. Und diese übertrifft alles. Er ist von einem Reichtum erfüllt, der ihn so stark macht, dass er die Szene total beherrscht und es nicht nötig hat, verlegen zu sein. Er kann es sich leisten, Regeln zu durchbrechen. Die Liebe Gottes ist ihm Peinlichkeit und Aufregung wert. Ein Stück altes Brot, das man nur noch zum Füttern der Schweine verwendet, wird zur Ehrengabe.

Hier dreht sich der ganze Ehrenkodex um, die Rangordnung wird umgestülpt. Franziskus vertauscht sogar seine eigene Rolle. Er bettelt nicht bei den Reichen Brot für die Armen, sondern teilt das Brot der Armen bei den Reichen aus.

Hier ist auch der Schlüssel für die Rede Jesu vom ersten und letzten Platz. Nichts wäre verkehrter als zu meinen, es ginge ihm um die rechte Tischordnung oder um einen Trick, wie man zu Ehren kommt. Was Jesus in sehr zugespitzten Worten ausdrückt – „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt. Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ – lässt sich auch so zusammenfassen: Es gibt eine Art da zu sein, zu denken und zu fühlen, bei der man auf die Rangordnung von oben nach unten nicht mehr angewiesen ist, wo die Einschätzung der andern nicht mehr zählt.

So ist es bei dem Heiligen aus Assisi, als er Geld und Kleider seinem Vater vor die Füße wirft und sich von ihm lossagt. Er ist in diesem Augenblick nicht mehr der Sohn des reichen Kaufmanns, als der er in der Stadt bekannt ist und etwas gilt. Er ist ohne Titel und Rang, kein Kleriker, kein Mönch und noch lange kein Heiliger. Er fällt aus aller Einschätzung und Ordnung heraus. In den Augen der Leute ist er ein Verrückter, über den man nur den Kopf schüttelt. Er ist in der Rangordnung ein Niemand, aber ganz er selbst, erfüllt von der Kraft Gottes, einfach Franziskus, als der er in die Geschichte eingehen wird.

Pater Guido Kreppold OFMCap, Kirchenzeitung vom 28. August 2016

Lesungen zum 22. Sonntag im Jahreskreis am 28.08.2016

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 42 vom 20. Oktober 2019

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