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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

06.09.2019

Die Heilige der Dunkelheit im Licht des Glaubens

Foto: epd

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Gott ist uns Menschen manchmal ein Geheimnis. Darüber klagten schon die Weisen aus vorchristlicher Zeit. Ihre Schriften enthalten stellenweise auch Gedanken der Skepsis und des Zweifels gegenüber Gott. Aus einem dieser Weisheitsbücher ist auch die erste Lesung dieses Sonntags: „Welcher Mensch kann Gottes Plan erkennen? Wer begreift die Wege Gottes im Leben?“ (Weis 9, 13-19). Der Verfasser versteht die Wege Gottes nicht mehr. Wie konnte Gott dieses oder jenes zulassen? Womit habe ich das verdient?

Es ist gut, dass man auch über solche Fragen ganz offen reden kann. Ein gläubiger Christ darf nicht erwarten, dass ihm solche Fragen erspart bleiben. Auch dem gläubigen Menschen bleibt Gott ein Geheimnis. Dieser Wahrheit kann man auch im gewöhnlichen Alltag begegnen. Ein Paar, das sich in den Jahrzehnten seines Ehelebens tief kennengelernt hatte, bekennt nach Jahren:

„Ich kenne meinen Ehemann bzw. meine Ehefrau inzwischen sehr gut, viele Jahrzehnte lang haben wir uns kennengelernt; aber manchmal ist er/sie mir ein Geheimnis.“ Und sie fügen hinzu: „Zur Liebe gehört eben auch, dass man dem anderen ein Geheimnis sein lässt.“ Das gilt vielmehr noch für unsere Glaubensbeziehung. Wir schenken Gott unser Vertrauen und unsere Liebe auch dann, wenn wir seine Fügungen nicht mehr verstehen können.

Heute vor drei Jahren wurde die selige Mutter Teresa, der „Engel der Armen“ in den Elendsvierteln von Kalkutta, heiliggesprochen. Schon zu Lebzeiten wurde sie von vielen als Heilige verehrt. Viele dachten, dass sie immer die Erfahrung der liebenden Nähe Gottes in sich trug. Wir haben noch ihr Lächeln und ihre strahlenden Augen vor uns. Aber als nach ihrem Tod ihre Tagebuchaufzeichnungen veröffentlicht wurden, erfuhr man, dass ihr Innenleben Jahrzehnte hinweg von innerem Dunkel geprägt war. „Der Platz Gottes in meiner Seele ist leer“, schreibt sie. „In mir gibt es keinen Gott. Manchmal ist der Schmerz so groß, dass ich meine, alles würde zusammenbrechen.“ Daraufhin schrieben einige Journalisten: „Also, hat man uns angelogen. Nun kommt die Wahrheit heraus. Man hat uns über ihre wahre Frömmigkeit getäuscht. Sie war demnach nicht jene große Heilige, als die die Kirche sie immer ausgegeben hat.“

Diese Journalisten hatten keine Ahnung davon, was Glaube an Gott wirklich bedeutet! Sie meinten, dass ein frommer Mensch immer in der Gegenwart der Liebe Gottes lebt. Wie verkehrt ist doch diese Ansicht. Viele Heilige berichten uns von ähnlichen Erfahrungen wie Mutter Teresa. In ihren Aufzeichnungen bekennt sie: „Wenn ich jemals eine Heilige werden sollte, dann gewiss eine Heilige der Dunkelheit. Ich werde dann fortwährend im Himmel flehen und versuchen, um für jene ein Licht anzuzünden, die auf Erden in Dunkelheit leben.“

So sollten wir Christen heute auch nicht darüber erschrecken, wenn Gott uns manchmal fern zu sein scheint und wir stattdessen eine innere Dunkelheit erleben. Dann gilt es, auszuhalten, auf Gott zu vertrauen, die Situation anzunehmen, den Weg weiterzugehen, im Gebet nicht nachzulassen. Gott lässt auch solche Erfahrungen zu. „Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt“, heißt es im Evangelium, „der kann nicht mein Jünger sein“. Wenn wir dem Kreuz unserer täglichen Verantwortung nicht ausweichen, sondern uns diesem Kreuz stellen, dann werden auch diese Schritte der Nachfolge Jesu ein Weg zum Licht und zum Leben werden.

Pius Schmidt, Kirchenzeitung Nr. 36 vom 8. September 2019


23. Sonntag im Jahreskreis

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