Zum Inhalt springen

Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

09.02.2018

Gott kennt keine Berührungsängste

Foto: Archiv

Foto: Archiv

Menschen mit einer ansteckenden Krankheit leiden nicht nur an der Krankheit selber, sondern an der Isolation, in die sie die Ansteckungsgefahr hineinzwingt. In früheren Zeiten ging mit der sozialmedizinisch strikt gebotenen Isolierung die gesellschaftliche Ächtung des Kranken einher. So war auch in unseren Breitengraden ein an der ansteckenden Lepra erkrankter Mensch ein „Aussätziger“ im buchstäblichen Sinne dieses Wortes: er war tatsächlich „ausgesetzt“, abgesondert, vom mitmenschlichen Zusammenleben ausgeschlossen. Und zur Zeit Jesu war der Aussätzige zudem noch religiös stigmatisiert: ein von einer solchen Krankheit befallener Mensch galt als von Gott bestraft.

 

Vor diesem Hintergrund wirkt die im Evangelium erzählte Heilung eines Aussätzigen überraschend und erstaunlich. Denn der Evangelist erwähnt nicht nur, dass Jesus das Nahekommen des hilfesuchenden Leprakranken – den scharfen Bestimmungen des mosaischen Gesetzes zuwider – zuließ, sondern dass er ihn sogar zu berühren wagte. Hätte er die Heilung dieses Menschen nicht auch ohne Missachtung der Gesetzesvorschriften bewerkstelligen können? Eine Heilung aus der Ferne, auf bloßen Befehl hin, wäre ihm doch zuzutrauen und wird andernorts in den Evangelien ja auch berichtet. Doch der Evangelist Markus betont Jesu Willen, diesen Aussätzigen durch Berührung zu heilen, mit allem Nachdruck: „Jesus hatte Mitleid mit ihm; er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will es – werde rein!“

 

Die Geste des Berührens offenbart seine göttliche Reinheit, die sich vor nichts Unreinem zu fürchten hat, aber zugleich auch seine tiefe Mitmenschlichkeit. Wie intensiv und wohltuend muss allein schon dieses Berührt-Werden auf den wegen seiner Krankheit „Unberührbaren“ gewirkt haben! Bereits durch diese Geste kann sich der von aller Gemeinschaft Ausgeschlossene wieder als Mensch unter Menschen fühlen. Die leibliche Berührung durch die heilende Hand des Herrn macht diesen Kranken nicht nur physisch gesund sondern befreit auch seine Seele aus dem Kerker der Isolation. Mitmenschlich und angstfrei berührt, wird er wieder ein Mensch unter Menschen.

 

Wenn Jesus einen Aussätzigen zu berühren wagt, ist das eine zugleich mitmenschliche und göttliche Tat. Sie offenbart über alle Mitmenschlichkeit hinaus die liebende Zuwendung Gottes zu seiner Schöpfung. In keiner Religion wagt man sich vorzustellen, dass sich der Allerheiligste sogar auf das Unheilige und sogar Unreine in dieser Welt einlässt. Genau das aber gehört zur Kernaussage des christlichen Glaubens an die Fleischwerdung Gottes und die Erlösung durch das Kreuz: Gottes Sohn, der unser sterbliches Fleisch und Blut angenommen hat, übernahm am Kreuz die Sünde aller Welt, durchlitt sie sühnend, kraft seiner bedingungslosen, reinen Liebe. Darin zeigt sich, dass der wahre und lebendige Gott in der Reinheit seines grenzenlosen Erbarmens gegenüber uns „Unreinen“ keine Berührungsängste hat.

 

Wer sich von ihm berühren lässt, wird vom „Aussatz der Sünde“ rein gemacht und in seinem Menschsein wieder heil. In der bald beginnenden Fastenzeit mögen wir dieses reinigende Berührt-Werden durch Gott neu erfahren – und vielleicht noch tiefgreifender als je zuvor. 

 

Msgr. Lorenz Gadient, Kirchenzeitung Nr. 6 vom 11. Februar 2018

Lesungen zum 6. Sonntag im Jahreskreis

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 21 vom 27.05.2018

Kontakt / Abo

Kirchenzeitung für das Bistum Eichstätt
Verlag und Redaktion
Sollnau 2, 85072 Eichstätt
Tel. (08421) 50-810
Fax (08421) 50-820
verlag(at)kirchenzeitung-eichstaett(dot)de
redaktion(at)kirchenzeitung-eichstaett(dot)de
anzeigen@kirchenzeitung-eichstaett.de



Bezugspreise (ab Jan. 2018): Durch die Agentur (Pfarramt) monatlich 7,50 € (6,35 € einschl. 7 % MWSt. + 1,15 € Zustellgebühr); durch die Post monatlich 8,25 €; Einzelnummer 1,80 €.