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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

17.07.2020

Ist das nicht göttlicher Leichtsinn?

Foto: Erich Kraus

Foto: Erich Kraus

Der Kampf gegen das Unkraut hat es sogar bis in die Welt der Medien und Parlamente geschafft. Es ist die Frage: Soll man dem Unkraut rein biologisch beikommen oder ist nicht der Ertrag viel effektiver, wenn man Pestizide ausbringt? Wie also mit dem Unkraut umgehen? Es ausreißen oder es wachsen lassen bis zur Ernte?

Jesus verbindet mit dieser Frage die noch weiterführende Frage der Knechte im Evangelium: Woher das Böse? Diese Frage stellen wir uns alle. Und die Antwort? Meist Fehlanzeige. Denn das Böse ist unbegreiflich.

Jesus spricht von einem geheimnisvollen „bösen Feind“, der Unkraut in die Herzen der Menschen sät. Überraschend verbietet er sogar, das Böse mit Stumpf und Stiel auszureißen. Es könnte ja dabei auch das Gute, also der wertvolle Weizen vernichtet werden. Deshalb: „Lasst beides wachsen bis zur Ernte!“ Ist das nicht pures Risiko oder gar göttlicher Leichtsinn?

Ein Mann meinte vor kurzem: „Ich kann ewig nicht verstehen, warum Gott uns Menschen so viel Freiheit lässt, auch die Freiheit zum Bösen, und warum er nicht strafend eingreift?“ Irgendwie verständlich. Wieso kann Gott so viel Vertrauen haben, dass sich am Ende das Gute durchsetzt? Es ist die Erfahrung: Je kraftvoller das Gute, umso stärker hält es das Böse, also das Unkraut, nieder.

Dies veranschaulicht Jesus auch mit dem Gleichnis vom Sauerteig: So wie der Sauerteig eine Masse Mehl durchsäuert, verwandelt und geschmackvoll macht: So kann auch das Gute die Welt um uns verwandeln. Dann kann sogar aus ganz kleinen Anfängen etwas Großartiges werden.

Ist es nicht auch im richtigen Leben so? Jeder Mensch beginnt ganz klein im Mutterschoß. Viele Erfindungen wurden oft nur von einzelnen Genies oder von ein paar Wenigen ins Leben gerufen. Ähnlich ist es mit dem Himmelreich, mit dem Wachsen des Reiches Gottes. Vor allem wenn der Kern oder der Same gesund ist und in gutes Erdreich fällt, dann kann daraus etwas Großartiges werden.

Das zeigen uns auch gesunde Familien und lebendige Pfarrgemeinden: Sie können zu Pflanzgärten werden für Kinder und Jugendliche, die Freude am Leben, am Glauben und am Gottesdienst haben. Es sind geistige und geistliche Biotope, in denen Kirche neu wachsen, blühen und gedeihen kann. Da mag auch mal in Familien mit Kindern oder in einer Pfarrei etwas schieflaufen. Wichtig ist, dass wir, wie Gott mit uns, nachsichtig und barmherzig miteinander umgehen.

Der starke Gott, von dem das Buch der Weisheit spricht, kann manchmal sogar Böses noch zum Guten lenken. Auch deshalb ist es angebracht, bis zur Ernte zu warten. Dann aber ist es allein Sache Gottes, Unkraut und Weizen zu trennen und den Weizen in seine Scheunen einzufahren.

Richard Distler, Pfr. i. R., Kirchenzeitung Nr. 29 vom 19. Sonntag im Jahreskreis (zum Evangelium Mt 13, 24–43)


16. Sonntag im Jahreskreis

Weizen und Unkraut stehen auf dem Acker durcheinander. Und so ist es in der Kirche Gottes: Sie ist eine Kirche aus Sündern und Heiligen. Wo verläuft die Grenze? Gott lässt jeden seinen Weg gehen, er lässt auch das Unkraut wachsen. Am Tag der Ernte werden wir wissen, was Unkraut und was Weizen war. Und vielleicht wird die Überraschung groß sein.

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 48 vom 29.11.2020

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