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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

07.04.2021

Ist der Zweifel nicht die Kehrseite des Glaubens?

Wer hat nur diese verleumderische Behauptung vom „ungläubigen Thomas“ in die Welt gesetzt? Diese Behauptung ist ungeheuerlich! Schließlich haben alle Apostel – bis auf diesen Johannes – Jesus verleugnet. Am nachhaltigsten sogar der Oberboss Petrus, der auf die Bemerkung einer Frau: „Auch du warst bei Jesus“ stock und steif behauptet hat: „Ich kenne ihn nicht!“. Und dann erschien Jesus den zehn Karfreitagsgeschädigten Aposteln, die ja alle nach der Verhaftung ihres Meisters Reißaus genommen hatten. Thomas war nicht dabei. War seine Aussage, dass er das auch gerne erlebt hätte, gerne erleben würde, um wieder glauben zu können, wirklich so unverschämt? Können wir ihm diesen Wunsch verdenken? Und darf dieser Wunsch als Steilvorlage genutzt werden, Thomas für alle Zeiten als ungläubig zu diffamieren?

Auch in unserem Beichtspiegel wird der Glaubenszweifel als Sünde deklariert, ja er kann sogar zur Todsünde werden, wie es in manchen Moralhandbüchern steht. Und aus der Kirchengeschichte wissen wir, dass hartnäckige Zweifler sogar hingerichtet und verbrannt wurden!

Vor einigen Jahren zuckte die gesamte katholische Welt zusammen, als herauskam, dass die frisch heiliggesprochene Mutter Teresa von Kalkutta jahrzehntelang große Glaubenszweifel hatte. Was nun? Erst wurde sie im Schnellverfahren heiliggesprochen und dann diese Erkenntnis! Mit so vielen Glaubenszweifeln hat sie dem ungläubigen Thomas geradezu den Rang abgelaufen. Ich bin ja so froh, dass niemand auf den Gedanken kam, die Heiligsprechung zu annullieren. Für mich ist sie jetzt erst recht eine Heilige! Denken wir an Johannes vom Kreuz, den seine Mitbrüder brutal geschlagen und eingesperrt haben. In dieser Phase hat er das großartige spirituelle Werk von der „dunklen Nacht“ geschrieben.

Ist der Zweifel nicht die Kehrseite des Glaubens? Teresa von Avila schreibt: „Gott ist wert, ihn ein Leben lang zu suchen!“ Der große Theologe Romano Guardini, dessen Seligsprechungsprozess jetzt angestoßen wurde, hatte gerade am Ende seines Lebens viele Zweifel, die ihn mitunter in tiefe Depression brachten. Und so verstehe ich ihn gut, wenn er sagte: „Wenn ich mal vor Gott stehe, dann will ich mich zunächst nicht ausfragen lassen, sondern Gott bitten, auf meine Fragen endlich eine gültige Antwort zu geben!“ Und bei der heiligen Theresia von Lisieux – immerhin einer amtlichen Kirchenlehrerin – haben Mitschwestern in ihrem Tagebuch die Zeilen geschwärzt, wo sie auch von ihren Zweifeln sprach – um ihre Heiligsprechung nicht zu verhindern. Mir ist sie durch ihre Zweifel viel näher. Und ist nicht Jesus den Emmausjüngern hinterhergelaufen, weil sie Zweifel hatten? Vielleicht hätten sie ohne ihre Zweifel auf die Begegnung mit Jesus verzichten müssen?

In meinem Leben habe ich den Zweifel nicht als Bedrohung, sondern als Durchbruch erlebt! Das Leben ähnelt der Devise: „Mensch, zweifle dich durch und du wirst Größeres erleben!“ Wir sind alle wie Thomas und alle sind wir Sünder. Mich trösten die Sünden der Heiligen mehr als ihre Tugenden. Und ich habe mehr Angst vor Fundamentalisten, die ihren Glauben wie eine Monstranz vor sich hertragen und alle verurteilen, die Zweifel haben. Dann will ich lieber ein Emmausjünger sein, denn dann weiß ich, dass mir Jesus nachgeht. Kann mir etwas Besseres passieren?

P. Josef Lienhard, Kirchenzeitung Nr. 15 vom 11. April 2021 - Evangelium: Joh 20, 19-31


Zweiter Sonntag der Osterzeit – Weisser Sonntag

Der gefährlichste Feind des Glaubens und der Liebe ist der Zweifel: die bohrende Frage, ob nicht alles nur Betrug und Selbsttäuschung war. Gründe und Beweise helfen nicht weiter, sie werden ja ebenfalls in den Zweifel hineingezogen. Helfen kann nur eine alles verändernde Erfahrung: die Offenbarung der Wahrheit selbst oder die spontane Mitteilung der Liebe. Dem „ungläubigen“ Thomas hat Jesus seine Wunden gezeigt, um den Zweifel zu heilen.

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 20 vom 16. Mai

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