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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

25.10.2019

Ist nicht gerade jetzt die Stunde der Kirche?

Foto: Erich Kraus

Hoffnung grünt: Kommt nach Einbruch und Zusammenbruch eine neue Blüte? Foto: Erich Kraus

Wie geht es weiter mit dem Glauben? So fragen derzeit besorgt gläubige Menschen. Wird der Glaube Zukunft haben, wenn nicht wenige weggehen? Ist das Evangelium womöglich eher Fremd-Botschaft statt Froh-Botschaft? Wird es gute Lösungen geben für eine Erneuerung der Kirche? Werden auch unsere Jugendlichen wieder auf den Zug des Glaubens aufspringen? 

Auch der Apostel Paulus stellt sich heute die Frage: Wie geht es weiter mit dem Glauben und mit der Verkündigung des Evangeliums? Gerade dafür hatte er sich ja mit größter Leidenschaft eingesetzt. Der Apostel fühlt jedoch, dass seine Zeit vorbei ist.

Da schreibt er im Gefängnis an Timotheus: Die Sache des Evangeliums ist ein Kampf, ein hartes Ringen. Man hat mich zwar im Stich gelassen, dennoch stand der Herr mir zur Seite. Paulus ist ein einsamer, alter Mann und doch voller Dankbarkeit und Hoffnung. Absolut nicht frustriert! Im Gegenteil: Er fordert Timotheus auf zum unerschrockenen Einsatz für das Evangelium. Er solle die noch junge Kirche neu um das Evangelium sammeln. 

Ist das nicht auch heute die Sendung der Kirche? Die konfuse Menschheit wieder sammeln und sie herausholen aus ihrer Zerstreutheit? Aber muss die Kirche da nicht bei sich selber anfangen? Macht sie nicht derzeit selber einen etwas konfusen Eindruck? War sie nicht allzu oft „Kirche von oben“ und nicht „von unten“? Manchmal geprägt von Hochmut statt von Demut, also vom Mut, den Menschen zu dienen? Oft nur mit sich selbst beschäftigt, statt auf das hinzuhören, was die Leute bewegt? 

Die Haltung des Pharisäers im Evangelium darf nie die Haltung der Kirche sein, auch nicht die jedes einzelnen Christen. Unsere Haltung sollte eher die Demut des Zöllners sein, „ganz hinten“, mit der Bitte: „O Gott sei mir Sünder gnädig!“ „Denn allein aus Gnade seid ihr gerettet“, so schreibt Paulus im Römerbrief. Gottes Gnade und Erbarmen aber sind Hoffnungszeichen und eine immer neue Lebenskraft für die Kirche. Nur in dieser Haltung kann sie auf die Menschen zugehen. Wäre das nicht gerade jetzt ein Ansatz für Erneuerung? Da steht nicht sie selber im Mittelpunkt, sondern allein Christus und der Schatz des Evangeliums. Da steht der Mensch im Mittelpunkt, seine Sehnsucht  nach Gott, nach Heil, Hoffnung, Erbarmen und Erlösung. Ich denke, dafür ist auch der heutige Mensch offen, wenn er spürt: Der Glaube ist nicht Druck und Zwang, sondern Freude, Freiheit und Entschiedenheit. Wenn er spürt, der Glaube gibt mir Ehre, Würde und Ansehen als geliebtes Geschöpf Gottes. Wenn er merkt, der Glaube ist nichts Fremdes, sondern etwas, was meiner innersten Sehnsucht entspricht. Ist also nicht gerade jetzt die Stunde der Kirche, die Menschen neu zu sammeln? Ist es nicht gerade jetzt ihr Dienst, jedem Menschen mit Ehrfurcht, Liebe und Wertschätzung zu begegnen, weil Gott auch uns so begegnet? Denn nur so können wir wie der Zöllner im Tempel vom Erbarmen Gottes durchdrungen werden, weil die Kirche selbst aus diesem Erbarmen lebt und ihre Kraft schöpft.

Richard Distler, Pfr. i. R., Kirchenzeitung Nr. 43 vom 27. Oktober 2019

30. Sonntag im Jahreskreis

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