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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

02.09.2020

Jesus spricht von einer Kritik aus Liebe

Jesus spricht von einer Kritik aus Liebe

Jesus spricht von einer Kritik aus Liebe Foto: picture alliance/SULUPRESS.DE/Marc Vorwerk

Seit der Aufklärung ist Kritik Mode geworden, schon mit Immanuel Kants klassischer Schrift: „Kritik der reinen Vernunft“. Der Philosoph Peter Sloterdijk hat 1983 auf den Kritizismus mit dem Titel „Kritik der zynischen Vernunft“ geantwortet. Kritik ist wichtig aber durchaus kritisch zu sehen, was uns ja so manches Hexentreiben unserer Presse zeigt und die Sucht nach Verrissen. Längst geschieht das „Abkanzeln“ in Zeitungsspalten. Nun ist das Evangelium des Tages diesmal nichts anderes als eine Kritik der Kritik.

Zunächst zeigt die Aufforderung, den Bruder in der Sünde nicht alleinzulassen, eine Sorge um seine Seele. Dann geht es nicht darum, ihn bloßzustellen oder gar zu bestrafen, sondern ihm die Umkehr zu ermöglichen. 

Wir sind gewohnt unsere Kritiken als Geschmacksfragen zu sehen. Mir gefällt etwas, oder mir gefällt etwas nicht. Dabei gibt es Menschen die ich gerne kritisiere, andere wieder haben meine Sympathie, und ich drücke die Augen zu im Hinblick auf ihre Fehler.

Die grundsätzlich kritische Haltung einer Person oder mehrerer Personen gegenüber hat der Soziologe Max Scheler untersucht und den Begriff Ressentiment geprägt. Das gesteigerte Ressentiment gegen die Juden hat im Dritten Reich zum Holocaust geführt. Diese Art von Kritik ist aus dem Hass geboren, sie will in Wirklichkeit gar nicht ändern, sondern abschaffen.

Jesus spricht von einer Kritik aus Liebe. Es geht nicht um Geschmacksfragen, sondern um Sünde. Wenn ich die Seele eines Menschen gefährdet sehe, muss ich zu ihm sprechen. Zunächst aber allein unter vier Augen. Den Sinn dieser Diskretion zeigt eine kleine Geschichte aus einem Mönchskloster.

Ein Mitbruder wird beim Abt angezeigt, er habe eine Frau auf der Zelle. Der Abt muss sich mit den Brüdern dorthin begeben. Während der ganze Haufen im Anmarsch ist, hat der sündige Mönch gerade noch Zeit, die Frau in ein leeres Fass zu stecken, das in seinem Zimmer steht. Beim Betreten der Zelle begreift derAbt sofort die Situation und setzt sich auf das Fass. Dann bittet er die Mitbrüder, die Zelle zu durchsuchen. Sie finden nichts und gehen wieder. Nun aber mahnt der Abt den Mönch: „Bruder, gib auf dich acht!“ und verlässt dann den Raum.

Wenn wir lernen, derart liebevoll miteinander umzugehen, dann können wir Kritik üben. Sie wird demütig sein und weit entfernt von dem selbstverliebten Bobbern, Schlechtmachen und Skandalisieren, das wir im Alltag erfahren müssen.

Alois Loeßl, Kirchenzeitung Nr. 36 vom 23. Sonntag im Jahreskreis (zum Evangelium Mt 18, 15–20)


23. Sonntag im Jahreskreis

Nicht nur durch falsche Lehren wird das Leben einer Gemeinde bedroht. Häufiger ist das falsche Handeln und die Unterlassung. Jeder Einzelne ist mitverantwortlich für die Entwicklung der Gemeinde. Jeder, der gut denkt und handelt, stärkt die Kraft des Guten in der Gemeinde Gottes.

 

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 43 vom 25.10.2020

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