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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

01.02.2019

„Kann Jesus uns auch wütend machen?“

Foto: Erich Kraus

Foto: Erich Kraus

Unbequem. Warum ist er nur so unbequem? So gar nicht angepasst, stromlinienförmig und nach dem Geschmack der Menschen? Warum eckt er so an? Warum nimmt er nicht Rücksicht auf die Gefühle seiner Landsleute? Er ist doch bei ihnen aufgewachsen, er, ihr Jesus? Mittlerweile berühmt wie ein Star.

Warum macht er sie so wütend? Warum macht er sich ähnlich dem Jeremia in der ersten Lesung zu einer eisernen Säule, zu einer ehernen Mauer? Da zeigen sie ihm die rote Karte. Sein Auftritt wird zum Desaster. Aber was bringt die Nazarener durch ihren Landsmann so auf die Palme?

Ist es diese geheimnisvolle Autorität, die aus ihm spricht und mit der er spricht? Ja durchaus. Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, (an mir) erfüllt. So hat in einer Synagoge noch keiner geredet. Das ist doch unerhört! Da erlaubt es sich dieser Jesus in der Autorität Gottes zu sprechen. Dass der Geist auf ihm ruhe oder dass er gar der Gesalbte, der Messias sei. Kann das wahr sein? Wir kennen ihn doch. Er ist doch nur der Sohn des Zimmermanns Josef.

Was sie so empört, das ist die Anmaßung der göttlichen Autorität, mit der Jesus spricht und mit der er die Schrift auslegt. Der zweite Grund für die Entrüstung seiner Landsleute ist die Entscheidung Jesu, bei ihnen kein Wunder zu wirken. Aber warum tut er das nicht? Er merkt, es geht ihnen nur um die Sensation und um ihre eigene Berühmtheit dank Jesus, nicht aber um den Glauben an ihn.

Doch nochmals treibt es Jesus auf die Spitze, als er den angeblich so frommen Nazarenern den Glauben von zwei Heiden als Vorbild hinstellt: den der Witwe von Sarepta und des Syrers Naaman. Ausgerechnet Heiden nimmt Jesus zum Vorbild, die von Juden für unrein und gottesunwürdig gehalten werden. Die ganze Auseinandersetzung endet mit dem Hinauswurf und mit dem Ansinnen der Lynchjustiz.

Kann Jesus auch uns wütend machen? Manchmal durchaus, wenn er nicht unserer Vorstellung oder Meinung entspricht. Oder wenn seine Rede zu hart ist und wir ihn nicht verstehen können oder wollen. Aber ist sein Anecken nicht auch für uns etwas Heilsames? Ist nicht auch unser Christsein manchmal schwach, oberflächlich, äußerlich und nur traditionell? Lassen wir uns tatsächlich von Jesus herausfordern? Oder begnügen wir uns lieber mit dem alten Schlendrian? Was ist das Gebot der Stunde?

Ich denke, die Kirche und jeder einzelne Christ haben nur dann Bestand, wenn wir viel für unseren Glauben tun. Die Kirche und jeder Christ haben nur dann Zukunft, wenn aus unseren Herzen die Kraft der Liebe Christi aufleuchtet. Von der Kraft dieser Liebe spricht der heilige Paulus in der Lesung aus dem Korintherbrief: „Die Liebe prahlt nicht und bläht sich nicht auf. Sie erträgt alles, glaubt alles, hält allem stand“. Gewiss, eine solche Liebe ist eine ähnliche Herausforderung wie der Glaube. Doch allein der erste Schritt kann schon kleine Wunder wirken.

Richard Distler, Pfr. i. R. Kirchenzeitung Nr. 5 vom 3. Februar 2019

4. Sonntag im Jahreskreis

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 29 vom 21. Juli 2019

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