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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

22.02.2019

Mehr werden, als wir sind

Gibt es da etwa einen „Riss in der Schüssel“ unserer modernen Gesellschaft? Manche fragen sich: Werden Ausfälle gegen Sanitäter und Feuerwehrleute im Einsatz zum Volkssport? In unserem Land gab es 2017 über 19.000 Übergriffe auf Polizeibeamte. Sieht man da in der Polizei nicht mehr den „Freund und Helfer“, sondern nur noch den Feind? Eine solche Tendenz ist erschreckend. 

Was tut sich da in unserem Volk an aggressivem Verhalten? Und wie lässt sich das ändern? Können uns vielleicht Impulse aus dem Glauben und vom Evangelium dieses Sonntags von der Feindesliebe weiterhelfen?

Dem, der dich schlägt, auch noch die andere Wange hinhalten? Dem Dieb, der dir den Mantel stiehlt, auch noch das Hemd lassen? Oder jene auch noch segnen, die dich verfluchen und misshandeln? Kann man so Aggressionen und Unrecht aus der Welt schaffen? Das bringt doch keiner fertig. Ist da nicht jeder überfordert. Schenken, ohne zu fragen, ob es sich lohnt. Zu denen gut sein und auf Gewalt verzichten, die uns schaden. Wo kämen wir da hin? Da kann sich in unserem Bauch eine Menge an Wut aufstauen.

Ist es vielleicht uns Christen aufgegeben, mehr zu werden, als wir sind und mehr zu tun, als wir können? Einer konnte das. Von ihm hören wir in der ersten Lesung: König David. Eines Nachts war er seinem Verfolger König Saul wehrlos ausgeliefert. Saul soll sogar den Speer nach ihm geworfen haben. Aber David tastete den König nicht an. Ein solches Verhalten nennen wir Großmut. Er sah in Saul nicht seinen Feind, sondern immer noch seinen König, einen Gesalbten und Vorläufer des Messias.

Wen sehen eigentlich wir im andern, im Nächsten? Was sehen wir in dem, der einen schlimmen Fehler gemacht oder uns Übles angetan hat? Ist und bleibt er ewig unser Feind und Gegner oder können wir in ihm trotz seiner dunklen Seiten immer noch unseren Mitmenschen oder gar unseren Bruder, unsere Schwester sehen? Wann sind wir dazu fähig? Eine Antwort gibt uns Jesus in einem anderen Teil der Bergpredigt, wenn er sagt: Richtet nicht, damit auch ihr nicht gerichtet werdet! Denn mit dem Maß, mit dem ihr messt, werdet auch ihr gemessen werden.

Offen gesagt, das kostet gewaltige Anstrengungen und Mühe. Es kann aber auch sein, dass wir dann, wenn wir es wirklich wagen sollten, über uns selbst hinauswachsen und Schritt für Schritt lernen, nach dem Beispiel Jesu zu handeln. Es kann sogar sein, dass sich bei uns innerlich ganz viel löst und uns der Herr selbst anrührt und heilt. Mag sein, dass wir es dann dennoch nicht schaffen. Aber eines können wir immer noch tun, für unsere Feinde und Verfolger beten. Und noch etwas: anderen helfen, Brücken zu bauen, die nicht mehr zueinander finden und sie ermutigen, wenigstens erste Schritte zur Versöhnung zu gehen.

Richard Distler, Pfr. i. R. Kirchenzeitung Nr. 8 vom 24. Februar 2019

7. Sonntag im Jahreskreis

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 20 vom 19. Mai 2019

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