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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

02.03.2019

Selbsterkenntnis ist ein Kreuztragen

Foto: Wikipedia/ Politikaner

Foto: Wikipedia/ Politikaner

Liebe Geschwister im Herrn, unser Evangelium hat drei Themen: Nicht blind sein, sondern den Meister ins Auge fassen. Nicht den Splitter im Auge des Bruders, sondern den Balken im eigenen entsorgen. Als guter Baum gute Früchte bringen.

Klar, dass der Blick auf den Herrn nur frei wird, wo der ihn verstellende Balken entfernt wurde. Selbsterkenntnis ist ein Kreuztragen. In der Sühne aber kann das Kreuzesholz fruchten. Das tut sie im Blick auf den Herrn. Ein liebender Blick muss das sein, ein Blick, der sich selbst vergisst. Ein Blick, der einverleibt.

Der islamische Mystiker Dschellaledin Rumi hat die Liebe Gottes mit Leib und Seele gespürt. Er erzählt: Ein Jude, ein Christ und ein Moslem, miteinander befreundet, gehen auf Reisen. Sie kommen in ein Gasthaus und bekommen süßes Halva geschenkt. „Ich hab den ganzen Tag gefastet“ sagt der Muslim, „ich bin hungrig, wollen wir das Halva essen?“ „Wir werden es morgen essen“, spricht der Jude. Sie gehen zu Bett. Am Morgen sagt der Christ: „Lass uns unsere Träume erzählen, wer den schönsten hatte, darf das Halva essen.“

„Ich sah Moses“, erzählt der Jude, „und folgte ihm auf den Berg Sinai, da waren wir beide in ein Meer von Licht getaucht.“ „Ich sah Jesus“, versichert der Christ, er nahm mich mit in den vierten Himmel, wo die Sonne ruht.“ „Und ich sah den Propheten Mohammed“, beteuert der Muslim, „der sagte zu mir: Einer ist auf den Sinai hinaufgestiegen, der andere im vierten Himmel. Auf, armselige Kreatur, geh und iss das Halva!“ „Du hast es doch nicht etwa gegessen!“ – rufen die anderen. „Was sollte ich tun? Durfte ich ungehorsam sein?“ Liebe Geschwister im Herrn, diese moslemische Geschichte will eine handfeste Gottesbegegnung empfehlen. Rumi konnte nicht wissen, dass es Halva ist, Jesus zu treffen.

Die Printen im Gedichtchen des Palotinerpaters Jörg Müller können wir als Halva eines solchen Gotttreffens lesen: Ein Christ, vom Alter noch ein Kind, geht abends heimlich und geschwind in Mamas Speisekammer rein. Dort locken Printen, zart und fein. Er nimmt sich zwei aus Schokolade. Da plötzlich kommt Mama gerade: Was tust du in der Speisekammer? Gott straft die Diebe“, schimpft die Mama. Er sieht dich jetzt. Was er wohl sagt?“ Darauf das Kind: „Ich hab’ gefragt, ob er auch einverstanden sei. Er sprach: „Wir sind allein. Nimm zwei!“ Lassen auch wir uns nichts genug sein, was nach Jesus schmeckt. Amen

Alois Loeßl, Kirchenzeitung Nr. 9 vom 3. März 2019

8. Sonntag im Jahreskreis

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 47 vom 24. November 2019

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