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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

02.09.2016

Täuscht Euch nicht über Größe und Bedeutung

Kürzlich wurde in Dresden ein neuer Bischof eingeführt. Das Bistum Dresden-Meißen, Partnerdiözese von Eichstätt, zählt, gemessen an einer Bevölkerungszahl von 4,1 Millionen Einwohnern, 3 Prozent Katholiken. 80 Prozent des Bundeslandes Sachsen sind konfessionslos. Das sind Zahlen, die für uns Diözesane aus Eichstätt erschreckend oder zumindest irritierend wirken. Doch was besagen diese Zahlen tatsächlich? Oder anders gefragt: Welche Bedeutung haben solche Zahlen für unser Leben in der Nachfolge Jesu?

Die katholische und die evangelische Kirche verlieren seit einigen Jahren bundesweit Mitglieder. Der Schwund der Kirchenangehörigen ist zum Teil derart massiv, dass sich (hoch-gerechnet) ein trübes Zukunftsbild kirchlicher Präsenz in unserem Land abzeichnet. Wir alle wissen das, wir registrieren den Rückgang der Kirchenbesucher und kirchlich aktiven Menschen. Welche Schlüsse aber ziehen wir aus dieser ständigen und offensichtlichen Minderung kirchlicher Wirksamkeit?

Wenn wir auf das Evangelium des heutigen Sonntags schauen, dann weist Jesus selbst uns bezüglich dieser Frage in eine bestimmte Richtung. Seine Worte, die er seinen Zuhörern und damit auch uns zusagt, könnten den Kreis derer, die ihm nachfolgen, eher einschränken als erweitern. Der Evangelist Lukas betont eigens die Situation, in der Jesus seine Bewertung für die Nachfolge aufzeigt. Es war damals genau umgekehrt wie heute, die Menschen folgten Jesus nämlich massenweise nach. So heißt es, dass eine große Zahl sich Jesus anschloss. Eigentlich würde man erwarten, dass Jesus sich freut über die sich ausbreitende Anhängerschaft, dass Jesus die große Masse vielleicht lobt für ihre Bereitschaft, ihm nachzufolgen. Doch so ist es nicht. Jesus stellt die massenhafte Anhängerschaft eher in Frage, anstatt sie zu bestärken.

Die Worte Jesu lassen sich für unsere Situation heute auch anders hören oder lesen. Vielleicht so: Täuscht Euch nicht, liebe Leute, wenn Ihr als Kirche eine beachtliche Größe in der Gesellschaft darstellt, eine Macht der Meinungsbildung innehabt und über wirtschaftliche und politische Ressourcen verfügt. Jeder Einzelne von Euch sollte sich fragen, ob er oder sie sich nicht in einer Anerkennungssituation befindet, von der er oder sie sich nur ungern verabschieden würde. Ist Eure Bindung an mich Euch tatsächlich mehr wert als das eigene Konto, die eigene soziale Position, das öffentliche Ansehen, die eigene Familie?

In seinen Worten bringt Jesus eine Radikalisierung des Einzelnen in den Prozess einer Massenbewegung. Damit legt er einen Gewissensspiegel für uns alle vor. Nur ich allein kann sagen, ob mir Jesus und seine Wegweisung tatsächlich am wichtigsten ist in meinem Leben und welche Konsequenzen ich daraus ziehe.

Ein quantitatives „Mehr“ ist für ein Leben in der Nachfolge kein Kriterium, das gilt für die einzelnen Gläubigen und das gilt für die Kirche insgesamt. Nur ein quantitatives „Mehr“ bringt es. Und dieses „Mehr“ ist die ganz klare Entschiedenheit für ein Leben aus dem Evangelium. In einem solchen Leben zählt nicht, wieviel dabei herauskommt. Was zählt, ist die Person Jesu, die uns zum Vater führt.

Dr. Bettina-Sophia Karwath, Kirchenzeitung vom 4. September 2016

Dr. Bettina-Sophia Karwath wurde 1966 in Nürnberg geboren.  Sie studierte in Bamberg, Rom und Würzburg Theologie, Philosophie und Psychologie und promovierte sich mit einer Arbeit über Simone Weil. Sie war Lehrbeauftragte an der Uni Würzburg, Religionslehrerin und kennt die katholische Verbandsarbeit durch ihre Tätigkeit beim kfd. Bevor sie in diesem Jahr Theologische Referentin im diözesanen Tagungshaus Schloss Hirschberg wurde, war sie acht Jahre lang wissenschaftliche Mitarbeiterin am "Lehrhaus für Psychologie und Spiritualität" in Marktheidenfeld.

Lesungen zum 23. Sonntag im Jahreskreis am 4. September 2016

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 42 vom 20. Oktober 2019

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