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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

09.09.2020

Verständnis – Geduld – Versöhnung

Schuld eingestehen und Schuld verzeihen – beides ist nicht einfach, doch ohne diese Fähigkeiten ist weder ein harmonisches Miteinander noch die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit möglich – und auch kein Wachstum unserer Beziehung zu Gott. Beides legt uns Christus im Evangelium dieses Sonntags ans Herz. 

Da ist zum einen die unermesslich große Schuld, die der Knecht im Gleichnis dem Herrn schuldet. Nie wird er diese begleichen können. Aber auf sein inständiges Bitten hin erlässt der Herr ihm die gesamte Schuld – ohne Auflagen und ohne Beschränkung. Voraussetzung ist freilich, dass der Knecht die Schuld als seine eigene anerkannt und um ihren Erlass gebeten hat. 

Was würde man nun von dem Knecht erwarten? Gewiss tiefe Dankbarkeit, große Liebe zu diesem Herrn, treuen Dienst, ein frohes Herz, das anderen an seiner Freude Anteil geben möchte, und schließlich sicher auch Nachahmung dieser Großzügigkeit. Und wie schockierend ist stattdessen der Fortgang der Geschichte: Kaum zur Tür heraus, verschließt der Knecht sich den Bitten seines Kollegen, der ihn um Erlass eines unvergleichlich kleineren Schuldbetrags bittet, und lässt ihn samt Familie ins Gefängnis werfen. Wie empört ist man da zu Recht über diesen undankbaren Charakter, der sich selbst und die anderen mit zweierlei Maß misst. Und doch: Wenn wir ehrlich sind, wie oft verhalten wir uns selbst so?

Das Evangelium lädt uns heute ein, über grundsätzliche Haltungen in unserem Leben nachzudenken. Wie gehen wir mit unserer Schuld um, die jeder Mensch ausnahmslos 

mit sich trägt? Wenn wir auf unser Leben schauen, sehen wir, dass es gar nicht so ein-fach ist, zu Fehlern, zu Sünden zu stehen und sie zuzugeben. Wie gerne wären wir perfekt und wie oft meinen wir, perfekt sein zu müssen. Manchmal neigen wir deshalb dazu, die Schuld auf die Umstände, unsere Erziehung, unseren Charakter oder eben auf die anderen zu schieben – und vergessen darüber unsere eigene Verantwortung, die sich aus unserer Freiheit ergibt.

Wie befreiend kann es da sein, zu den eigenen Fehlern und Sünden zu stehen, um Verzeihung der Schuld zu bitten und auf diese Weise Vergebung zu erfahren. Wie entlastend 

ist es, zu wissen, dass ich als Mensch nicht perfekt, aber dennoch unendlich geliebt bin – und dass mir Gott immer wieder aufs Neue verzeihen wird. Erst auf dieser Grundlage der Wahrheit über mich selbst und über mein Leben, kann Neues erwachsen, ja, kann auch aus der Schuld noch Gutes entstehen, wenn ich im Vertrauen auf Gottes Hilfe nie müde werde, immer wieder neu anzufangen. 

Das Eingestehen eigener Schuld hat aber auch Konsequenzen für unseren Umgang mit der Schuld des anderen – und wir alle kennen Situationen, in denen uns durch Andere Unrecht widerfahren ist. Ein Weisheitsspruch besagt: Wer sich selbst gut kennt, hat keine Zeit, sich über die Fehler der anderen zu wundern. Nur wer selbst den Mut hat, seinen eigenen Fehlern ins Gesicht zu schauen, wer sich seiner eigenen Schwachheit bewusst ist, weiß, dass es dem Nächsten genauso geht, und wird auf diese Weise fähig zu Verständnis, Geduld und Versöhnung. Wir alle bedürfen als Menschen der Vergebung – und wie erfüllend ist es, wenn wir die Barmherzigkeit Gottes nicht nur als große Wahrheit unseres Lebens erfahren, sondern sie auch mit unserem eigenen Leben widerspiegeln dürfen.

Pia Sommer, Kirchenzeitung Nr. 37 vom 24. Sonntag im Jahreskreis (zum Evangelium Mt 18, 21–35)


24. Sonntag im Jahreskreis

Für erlittenes Unrecht Rache zu nehmen scheint ein menschliches Urbedürfnis zu sein und eine Weise der Selbstbehauptung. Aber wo endet das Recht, wo beginnt das Unrecht? Im Alten Testament hieß es: Eins zu eins, also: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Jesus fordert völligen Verzicht auf Rache und darüber hinaus aufrichtiges Verzeihen. Wer es ehrlich versucht, ist auf dem Weg zum wahren Menschsein.

 

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 43 vom 25.10.2020

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