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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

09.11.2018

Was den Wert der Gabe macht ...

Foto: Heberling

Foto: Heberling

Gönn Dir! Diese Aufforderung ist ein allgegenwärtiger Slogan unter jungen Leuten, der es 2014 im Ranking „Jugendwort 
des Jahres“ bis auf den zweiten Platz geschafft hat. Er will sagen: Tu dir was Gutes, Du hast es verdient. Genieße. Entspanne. Dazu passt der neue Hedonismus der Selbstoptimierer: die ihren Körper definieren, sich mit ihrer Ernährung beschäftigen, ihre Kraft, Ausdauer, Resilienz trainieren. 

Im Evangelium des heutigen Sonntags langt Jesus wieder einmal richtig zu, warnt vor den Mächtigen, Vermögenden, vor ihrem Anspruchsdenken, ihrer Selbstverliebtheit, ihrer Scheinheiligkeit – und stellt ihnen eine arme Witwe gegenüber. Eine Zumutung.

Seine Botschaft verläuft quer zum verständlichen Glücksstreben der „Gönn Dir-Gesellschaft“. Gib dem, der nichts hat, gib, auch 
wenn du selbst wenig, gerade mal genug, so gut wie nichts mehr hast. Geradezu abwegige Forderungen, eine Zumutung, nein, eine Frechheit, eine Unverschämtheit. Schließlich haben wir uns das erarbeitet, was wir 
besitzen, können uns das leisten, was wir 
uns gönnen. Überhaupt lassen wir uns höchst ungern etwas zumuten.

Zeitgenossen, die die missliche Moralpredigt des Evangeliums mit Verweis auf ihre groß-
zügige(n) Spende(n) als falsch adressiert zurückweisen wollen, gibt Jesus postwendend 
Bescheid. Er stellt klar, welche Gabe, welchen Wert hat: „Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten hineingeworfen als alle anderen. Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss hergegeben; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben 
hat, sie hat alles gegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt.“

Womöglich ist die Witwe Schwester im Geiste der anderen Witwe, die uns in der ersten Lesung des heutigen Sonntags begegnet. Sie macht in ihrer Not aus so gut wie nichts etwas, 
das allen über die Maßen genügt, weil sie der Versprechung Jahwes durch den Propheten glaubt: Der Mehltopf wird nicht leer, und der Ölkrug versiegt nicht!

Es ist in der Tat eine Zumutung, nicht nachprüfbaren Versprechungen ohne Garantie zu glauben. Das war es schon immer. Aber Unzumutbar? Was wäre dann Glaube überhaupt? 

Auch wenn unsere Umgangssprache keinen Unterschied mehr macht: Zumutung ist nichts per se Unzumutbares. Eine Zumutung ist statthaft, sie ist viel eher erforderlich, wenn nicht gar wünschenswert, wenn wir uns in sinnvoller Weise optimieren wollen. Tu dem, der bittet, etwas Gutes, definiere dein Verhältnis zum Nächsten neu, beschäftige dich mit den Herausforderungen der Zukunft, trainiere: Empathie, Solidarität, Teilen (Martin lässt grüßen!). Mute dir etwas zu. Gönn Dir!

Michael Heberling, Kirchenzeitung Nr. 45 vom 11. November 2018

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 25 vom 23. Juni 2019

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