Zum Inhalt springen

Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

10.02.2021

Was hat er anders gemacht?

Auf ein Wort

Was hat er anders gemacht? Foto: pixabay

Was Quarantäne und Isolation bedeuten, brauchen wir niemandem mehr erklären. Viele Menschen erleben heute Isolation und tiefste Einsamkeit. Corona hat unsere Lebensgewohnheiten umgekrempelt, weil Abstand statt Nähe eine Ansteckung verhindern soll. Aber der Mensch braucht Nähe. So war das Los eines Leprakranken, von dem heute im Evangelium berichtet wird, nicht nur eine Isolationsfolter, sondern der Aussätzige galt obendrein als hochkarätiger Sünder, für den es nur noch die Hölle gab. Selbst schuld, würden wir heute sagen. Dieses Totschlagargument zerstört jedes Mitleid und blockiert jede Hilfe. Heute wie damals.

Jesus berührt und heilt einen, der es in den Augen gläubiger Menschen nicht verdient hat,  und setzt sich selbst damit der Exkommunikation aus. Mit dieser Aktion hat er sich selbst unrein gemacht und wäre nach damaliger Gesetzeslage aus der jüdischen Gemeinde ausgeschlossen worden.

Das System der Ausschlusseritis wird bis heute praktiziert. Dazu bedarf es keiner ansteckenden Krankheit, wie folgendes Beispiel zeigt: Zwei Wochen vor meiner Versetzung nach Eichstätt suchte mich ein mir bis dahin fremder Mann auf. Sein Sohn hatte seine Freundin in einem Eifersuchtsanfall mit einer Bierflasche erschlagen. Das sprach sich in der Kleinstadt schnell rum. Der Vater erzählte mir, dass jetzt beste Freundinnen und Freunde, sobald sie ihn sehen, die Straßenseite wechseln und ihm überall größte Verachtung entgegenschlägt. Behandelt wie ein Aussätziger, obwohl er selbst nichts Böses getan hat!

In diesem Vater tobte jetzt ein innerer Kampf. Die Tat seines Sohnes hatte ihn ungemein wütend gemacht. Aber Sohn bleibt Sohn. Darum wollte er seinen Sohn im Gefängnis besuchen und bat mich um eine Bibelstelle, die ihm helfen könnte, um diese erste Begegnung nach der fürchterlichen Tat möglich zu machen. Ich gab ihm dann ein Zitat des heiligen Augustinus mit: „Hasse die Sünde, aber liebe den Sünder!“ 

Nach dem Besuch rief er mich wieder an. Die Unterscheidung habe ihm geholfen seinen Sohn trotz der furchtbaren Tat zu umarmen. Beide weinten herzzerreißend. Und er sagte ihm dann diesen Satz des Augustinus. Beide verstanden. Und jetzt wollte der Sohn mich auch sprechen. So besuchte ich ihn im Gefängnis und hatte nicht das Gefühl, einem Monster gegenüber zu sitzen.

Ist nicht Jesus den Verlorenen nachgegangen und hatte keine Ruhe, bis er sie gefunden hatte? Jesus impft und heilt die Menschen durch Berührung. Und das haben die Menschen gespürt, wenn sie sagen, dass Jesus anders handelt, als die Schriftgelehrten und Pharisäer, die Jesus beschimpften, weil er mit „Zöllnern und Sündern“ aß. 

Ich habe mich schon so oft gefragt, was hat er anders gemacht als die Theologen und Prediger seiner Zeit? Anders als wir? Ich vermute, dass gescheite Predigten nicht helfen, die nur den Kopf, aber nicht das Herz erreichen! Seelsorge mit Berührungsangst und distanzierendes Hochwürdengehabe ist nicht nach dem Geschmack Jesu. Ein Physiotherapeut hat mir einmal gesagt: „Die Menschen werden deshalb nicht geheilt, weil sie vom medizinischen Personal nicht mehr behandelt, sprich berührt werden.“

Fazit: keine Berührungsängste bei Armen, Kranken, Behinderten, Obdachlosen, Flüchtlingen, Aidskranken, psychisch Kranken und bei allen, die sich mitunter wie Aussätzige fühlen. Warum hat Jesus sogar den Kuss des Judas nicht verweigert? Warum hat er ihn sogar bei dieser Gelegenheit noch Freund genannt? Das war seine Art zu lieben, auch wenn viele bis heute Judas in der Hölle wähnen. Sind wir davon berührt und bekehrt?

P. Josef Lienhard, Kirchenzeitung Nr. 07 vom 14. Februar 2021 - Evangelium: Mk 1, 40-45


Sechster Sonntag im Jahreskreis

Reinheit ist mehr als Freisein von Sünde.
Unrein ist ein Wesen, wenn es im Genuss verweilt oder sich in Egoismus einrollt.
Die Reinheit eines Menschen bemisst sich nach dem Grad der Anziehung,
die ihn zur göttlichen Mitte hinführt.

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 20 vom 16. Mai

Kontakt / Abo

Kirchenzeitung für das Bistum Eichstätt
Verlag und Redaktion
Sollnau 2, 85072 Eichstätt
Tel. (08421) 50-810
Fax (08421) 50-820
verlag(at)kirchenzeitung-eichstaett(dot)de
redaktion(at)kirchenzeitung-eichstaett(dot)de
anzeigen(at)kirchenzeitung-eichstaett(dot)de

Bezugspreise (ab Jan. 2021):
Durch die Agentur (Pfarramt) monatlich 8,80 €
(7,60 € einschl. 7 % MWSt. + 1,20 € Zustellgebühr);
durch die Post monatlich 9,55 €;
Einzelnummer 2,20 €.