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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

05.04.2019

Weil Gott uns ständig eine neue Chance gibt ...

Fast zu allen Zeiten hatten Moralisten Hochkonjunktur. Auch heute. „Hast Du schon gehört, was der sich geleistet oder die angestellt hat? Das ist ja unglaublich und unerhört“. Solche „Moral-Entrüster“ kennen wir. Ist das nicht der gleiche Tonfall wie bei den Pharisäern und Schriftgelehrten, wenn sie zu Jesus sagen: „Siehst du diese Frau da, sie wurde auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt. Was sagst Du dazu?“ Auf die Fehler anderer mit dem Finger zu zeigen, weil ich mich für moralisch besser halte? Diese Frau wird so richtig vorgeführt. Man nennt das „zerstörtes Ansehen oder den sozialen Tod“. Das ist fast so schlimm, wie wenn man sie steinigt. 

Aber macht da auch Jesus mit? Ist er nicht der Richter über unsere Frevel und Sünden? Weit gefehlt. Er denkt und handelt völlig anders. Er gibt der Frau eine Chance. Ob auch wir so gehandelt hätten? Dem andern noch einmal eine Chance geben? Ihm einen Neuanfang ermöglichen? Ist das nicht zu risikoreich? Aber warum dennoch? Für uns Christen ist die Antwort klar: Weil Gott uns ständig eine neue Chance gibt. Oft jeden Tag neu. Es ist ähnlich wie im Gleichnis vom unfruchtbaren Feigenbaum. Am dritten Fastensonntag hörten wir davon. „Herr, lass ihn noch dieses Jahr stehen. Ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen“, so bittet der Weingärtner den Weinbergbesitzer. Der Weingärtner ist Jesus. Er tut alles, damit unser Leben gelingt und eröffnet uns einen grundlegenden Neuanfang. 

Dies geschieht zum Beispiel in der Beichte. Da geht es darum, zu unserer Schuld zu stehen. Aber alles endet mit einem Freispruch. Das ist der grundlegende Unterschied zum staatlichen Gericht. Ich darf zu meiner Schuld stehen und es wird mir vergeben. Ich darf wieder dazugehören zur Gemeinschaft der Kirche. Ist das nicht erlösend und befreiend? Genau diese Erfahrung macht die Ehebrecherin, wenn Jesus zu ihr sagt: „Dann will auch ich dich nicht verurteilen“. Aber was passiert da eigentlich? Auf der einen Seite die sich auf Moral und Gesetz berufenden Pharisäer und Schriftgelehrten. Auf der anderen Seite Jesus ganz allein mit einem „Freispruch ohne Verurteilung“. Wer hier dazwischen steht, das ist der Heilige und Allerheiligste, Gott selbst. In seinem Namen kann Jesus vergeben. Dann aber der Zusatz: „Frau, geh hin und sündige nicht mehr.“ Ähnlich sagt es der Priester am Ende der Beichte. Oder kurz: Mensch, du bist jetzt versöhnt. Geh einen neuen Weg, wage einen Neubeginn in deinem Leben! 

Ob die Frau im Evangelium wohl rückfällig wurde? Vermutlich nicht. Denn die damaligen religiösen Führer hätten sie bestimmt sofort gesteinigt. Nun aber sagt Jesus: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein!“ Doch dann Schweigen und ein lautloser Abzug der Ankläger. Zum Schluss der Szene: Jesus und die Frau allein: Ein beeindruckendes Bild für Gnade, Erbarmen, Versöhnung und Neubeginn. Auch uns kann im Blick auf Ostern eine solche Erfahrung geschenkt werden.

Richard Distler, Pfr. i. R., Kirchenzeitung Nr. 14 vom 7. April 2019

Fünfter Fastensonntag

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 25 vom 23. Juni 2019

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