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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

16.09.2016

Weiß ich, wer ich bin?

Der Mann, der uns heute vorgestellt wird, ist auf den ersten Blick alles andere als nachahmenswert. Er zeigt uns, wie man einen  regelrechten Betrug plant. Und am Schluss heißt es sogar: „Der Herr lobte die Klugheit  des unehrlichen Verwalters“ (Lk 16,8).

Wie soll man nun diese empfohlene Klugheit verstehen? Einmal ist es ein gutes Zeichen für den wachen Geist des Verwalters, dass er sich der Situation stellt. Er blickt der Wahrheit ins Auge und lässt sie auf sich wirken. Wer bin ich, wenn ich meinen Posten verliere? Die Antwort heißt klar: Niemand! Die Freunde ziehen sich zurück. Er steht allein da und weiß nicht, wovon er leben soll. Dies treibt ihn zu einer Entscheidung. Es geht um die letzte Substanz seiner selbst.

Es gibt Situationen, in denen auch wir damit konfrontiert sind. Ob wir sie zu unserem Heil durchdenken, durchleiden und austragen, hängt von uns ab. Es liegt nahe, an die Menschen zu denken, die wie der Mann in der Geschichte, ihren Arbeitsplatz verloren und schon die fünfzigste Bewerbung geschrieben haben. Was ist, wenn mich niemand mehr brauchen kann? Wer bin ich noch, wenn mein Können nicht mehr gefragt ist?

Noch bitterer wird es, wenn die Liebe sich wie in Rauch auflöst und eine Lebensgemeinschaft zerbricht. Wer bin ich noch, wenn ich von dem Menschen, der mir einst der wichtigste war, abgelehnt werde? Jede Trennung fordert uns in unserem Wesen heraus. Im Allerletzten ist es der Tod.

Niemand kann sich auf das Äußere, von dem er bisher gelebt hat, auf Vermögen, Position und Ansehen stützen. Nicht einmal die nächsten Verwandten können die Zerstörung aufhalten. Welcher Kern bleibt da noch?

Als der heilige Franziskus seinem Vater Geld und die Kleider zurückgibt, ist er in den Augen der Leute niemand, nicht einmal ein Bettler, wie man sie sonst sieht. Aber er ist – so hat er es selbst erfahren – ein Sohn Gottes. Wenn er statt Vater Bernardone, ab jetzt nur Vater im Himmel sagt, kommt dies aus der letzten Tiefe seines Wesens und kostet ihn alles, was ihm bisher wichtig war. Er hat die Frage „Wer bin ich?“ zuinnerst durchlebt. Er weiß jetzt, wer er ist und er weiß auch, was er sagt. Da ist kein leerer Spruch, den er im Religionsunterricht oder im Studium gelernt hätte und dann weitergibt. Es ist die Erfahrung, einem Feuer vergleichbar, die ihn von allem wegreißt, selbst von der eigenen Familie.

Auch wir sind Kinder, Söhne, Töchter Gottes und hätten auch das Potential, wie Franziskus, eine einfallende Kirche zu stützen. Aber es ist ein mühsamer Weg, bis die Schätze uns offen stehen. Der erste Schritt ist, dass wir, wie der kluge Verwalter, der Situation nicht ausweichen sondern uns fragen: Wer bin ich?

P. Guido Kreppold OFMCap, Kirchenzeitung vom 18. September 2016

P. Guido Kreppold OFMCap wurde 1939 geboren. Der Ordenspriester und Diplompsychologe war unter anderem als Religionslehrer und Jugendseelsorger im Einsatz. Seit Ende der 1970er-Jahre hat er sich als Prediger, Referent und Autor einen Namen gemacht. Nach Lebens- und Arbeitsstationen in Mainburg, Würzburg, Aschaffenburg und Augsburg, wirkte der Kapuziner mit dem Themenschwerpunkten therapeutische Seelsorge und spiritueller Bildung in Eichstätt und seit 2012 in Ingolstadt.

Lesungen zum 25. Sonntag im Jahreskreis am 18. September 2016

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 42 vom 20. Oktober 2019

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