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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

16.09.2020

Welches Reich suchst Du?

Foto: Erich Kraus

Foto: Erich Kraus

Man sagt: Konkurrenz belebt das Geschäft. Ist der Mitbewerber eine Nasenlänge voraus, dann spornt uns das an, noch besser zu werden. Wir kennen das aus der Schule, aus der Familie, aus dem Sport und vor allem aus der Wirtschaft. Oft aber führt Konkurrenzdenken zu Rivalitäten und zu Sozialneid.

Offen zutage tritt dieser im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Ist es nicht schockierend für die Arbeiter der elften Stunde, dass sie den gleichen Lohn bekommen wie die von der ersten Stunde? Ihr Murren und Empören ist da total verständlich.

Würde heute ein Arbeitgeber ähnlich wie dieser Gutsbesitzer handeln, dann bekäme er es bald mit dem Arbeitsgericht zu tun. Aber warum erzählt uns Jesus dieses Gleichnis? Worum geht es ihm? Manchmal ist es handfest zu spüren: In unserer Welt prallen ständig zwei Welten aufeinander. Es ist die Welt der Ellenbogen, der Rivalitäten und der Konkurrenz. Die Welt des sich gegenseitig Übertrumpfens und des Neides. Ein Mann, der lange im Wirtschaftsleben tätig war und viel Erfahrung hatte, sagte mir: „Ich wage den Vergleich: Manchmal war es für mich wie der Sprung in ein Haifischbecken. Wenn Du nicht aufpasst, wirst du zerrissen“. Das ist die alte Welt, der viele von uns oft täglich ausgesetzt sind. Aber was ist die neue, die andere Welt? Für Jesus ist es die Welt des Reiches Gottes. Er selbst wurde nicht müde, diese neue Welt anzukündigen. Zwar wird auch hier von Morgen bis Abend gearbeitet. Die Gottesherrschaft ist kein Schlaraffenland. Aber jegliche Arbeit bekommt jetzt Wert und Würde. Denn die Hauptsorge gilt nicht mehr dem ewigen Konkurrenzdenken und dem Übertrumpfen des andern, sondern vor allem Gott. „Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit und alles andere wird euch dazugegeben werden“, sagt Jesus. Es ist eine Welt des Mitsorgens, Mitdenkens, Mitleidens und sich Mitfreuens. Den Neid derer von der ersten Stunde braucht es nicht mehr.

Gibt es auch bei Ihnen und bei mir im alltäglichen Umgang eine solche Gelassenheit? Wäre dann nicht unser Leben ein Stück freier und unbeschwerter? Eben ohne die ständige Angst, wir kämen zu kurz? Ist nicht das Handeln des Gutsherrn mehr als vernünftig und sachgerecht? Müssen nicht auch die von der elften Stunde ihre Familie und Kinder ernähren? Und ist es nicht auch für uns heute eine heilsame Provokation, wenn da im Gleichnis zwei Welten aufeinanderprallen? Doch je mehr wir uns von diesem Gutsherrn, der Gott ist, herausfordern lassen, umso mehr erwächst in uns die Sehnsucht nach dieser anderen, neuen Welt. Da geht es darum, sich immer mehr den Gedanken Gottes anzunähern. „Denn“, so heute der Prophet Jesaja, „meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und meine Wege sind nicht eure Wege“. Der Weg dorthin ist ein längerer Prozess des Umdenkens. Auch wenn wir oft wie Wanderer zwischen zwei Welten sind: Der Weg lohnt sich.

Richard Distler, Pfr. i. R., Kirchenzeitung Nr. 38 vom 25. Sonntag im Jahreskreis (zum Evangelium Mt 20, 1–16)


25. Sonntag im Jahreskreis

Hat mein Leben einen Sinn? Weiß ich, wofür ich lebe, arbeite, leide? Kein Mensch, der über sich selbst nachdenkt, kommt an dieser Frage vorbei. Und keiner kann selber seinem Leben den letzten Sinn geben. Aber er kann ihn entdecken, noch in der elften Stunde. Und dann weiß er, dass er nicht umsonst gelebt hat; dass in seinem Warten und Suchen immer schon Gott anwesend war und auf ihn gewartet hat, wie man auf einen Freund wartet.

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 43 vom 25.10.2020

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