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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

21.06.2019

Wer auf Jesus Blickt, sieht in die Weite

Foto: epd/Jens Schulze

Das Smartphone immer nahebei: Doch sehen wir noch, worauf es wirklich ankommt im Leben, etwa die Not des Nächsten?

Als ich vor kurzem in der Münchner U-Bahn fuhr, fiel mir auf: Fast die Allermeisten waren mit ihrem Smartphone beschäftigt. Andere hatten Stöpsel in den Ohren und richteten ihren Blick nur auf ihr Display. Meinetwegen: In der U-Bahn sind sich die Mitreisenden fremd. Man kann da nicht mit jedem kommunizieren.

Dennoch stellte ich mir die Frage: Worauf richten wir unseren Blick? Sehe ich auch noch meine Umgebung, den Allernächsten oder den, der spontan meine Aufmerksamkeit braucht? Oder bin ich nur noch mit mir beschäftigt? Gebe ich mich vielleicht nur noch im Internet mit „Freunden“ ab, die doch meist dieselben sind?

Alle drei Lesungen dieses Sonntags laden uns ein, unsere Blickrichtung zu ändern. Ja es heißt sogar im Buch Sacharja: „Und sie werden auf mich blicken, auf ihn, den sie durchbohrt haben.“ Aber wer ist da gemeint? Ein Durchbohrter, vielleicht irgendeine königlichprophetische Märtyrergestalt oder ist es gar Jesus selbst? Aber warum sollten wir ausgerechnet auf ihn schauen? Für mich sind es zwei Gründe: Zunächst, weil Jesus, als der für uns Durchbohrte zugleich auch der Auferstandene ist. Ja, es klingt paradox: Er geht mit uns bis ins Letzte, bis in unsere tiefste Einsamkeit und Verlassenheit. Doch bleibt er an diesem Punkt nicht stehen. Er führt uns gerade dadurch ins Leben, ins Licht und in den Bereich der Hoffnung.

Aber wie kann man das verstehen? Ein Weg, dieses Paradox zu verstehen, ist mir vor kurzem durch die Aussage von zwei Krebskranken eröffnet worden: Beide sagten nicht wörtlich, aber etwa sinngemäß: „Über meine Krankheit rede ich ganz offen. Da muss ich jetzt durch. Aber meine Hoffnung ist stärker. Bis zuletzt dringt sie durch mein Dunkel hindurch.“ Aus meiner Sicht haben diese Frauen mit ihrer Überzeugung den Sinn dessen getroffen, wenn Jesus sagt: „Wer mein Jünger sein will, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“

Der zweite Grund, warum wir auf Jesus schauen sollten, ist: Weil wir im Blick auf ihn unser Leben retten. Aber was heißt das? Meinen wir nicht oft: Ich bin ein freier Mensch und kann tun und lassen, was ich will. Aber sind wir wirklich so frei? Sind wir nicht oft versklavt an allerlei Bedürfnisse und Wünsche: Das oder Jenes muss ich unbedingt haben oder kaufen? Versklavt auch an bestimmte Menschen oder Medien, die uns manipulieren und dirigieren.

Der Blick auf Jesus aber lässt uns über den eigenen Teller- und Displayrand hinausschauen. Er lässt uns auf ihn schauen und mit ihm ins Gesicht unseres Nächsten, auch der Kranken und Leidenden.

Und weiter: Der Blick auf Jesus kann sich weiten auf andere Völker, denen wir vielleicht derzeit mit wenig Respekt begegnen, weil sie aus der EU austreten oder eine andere Politikrichtung haben als wir. Auf Jesus schauen, weil es bei ihm „nicht mehr Juden und Griechen gibt“, wie die zweite Lesung sagt, „nicht mehr Sklaven und Freie, nicht mehr Mann und Frau, denn ihr seid alle einer in Christus“. Also unsere Blickrichtung ändern, dann sind wir frei und dann werden wir das Leben gewinnen.

Richard Distler, Pfr. i. R., Kirchenzeitung Nr. 25 vom 23.06.2019


Zwölfter Sonntag – im Jahreskreis

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 42 vom 20. Oktober 2019

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