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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

02.11.2018

Wie ein Felsen steht es mitten im Neuen Testament: Das Doppelgebot der Liebe.

Foto: pixelio/delater

Foto: pixelio/delater

Aber wer kann denn schon Gott lieben aus ganzem Herzen und den Nächsten wie sich selbst? Das schafft doch keiner. Hat nicht das Sprichwort recht, wenn es heißt: „Nächstenliebe wär nicht schwer, wenn der Nächste nicht so nahe wär?“ Jemand in weiter Ferne zu lieben, das scheint einfacher zu sein. Aber dem Allernächsten Aufmerksamkeit, Ehre, Achtung und liebende Zuwendung zu schenken, das gelingt nicht immer.

Wenn jemand uns nervt, unseren Interessen im Weg steht oder uns beleidigt: Da fällt es schwer, sich nicht aufzuregen und mit der Situation gut umzugehen. Oder wenn wir uns von anderen im täglichen Konkurrenzkampf eingeengt oder bedroht fühlen oder wenn wir uns ständig mit anderen vergleichen und voller Neid auf ihn schauen, weil er mehr  leistet und mehr besitzt als wir, dann bewahrheitet sich oft das Sprichwort: „Der Mensch ist des Menschen Wolf.“ Wie also kann da die Lesung aus dem Alten Testament und Jesus im Evangelium uns gebieten: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst? Und wie kann man einen Gott lieben, der, so meinen wir, Not, Krieg, unschuldiges Leid, Gewalt und Terror in der Welt zulässt? Kommen wir da nicht an die Grenzen unserer Liebe? 

Was heißt denn eigentlich Liebe? Gewiss schafft es keiner, alle und jeden zu lieben nach dem Motto: „Seid umschlungen Millionen.“ Ich denke, es ist schon ganz schön viel, unsere Allernächsten zu lieben und mit all den übrigen zumindest respektvoll umzugehen. Aber wieso? Spiegelt sich nicht schon in einem einzigen Menschen das ganze Universum und das christliche Menschenbild, dass jeder Mensch „Gottes Bild und Gleichnis“ ist? Dass die Liebe nicht in großen Heldentaten, sondern in kleinen Aufmerksamkeiten besteht, das hat einmal der „lächelnde Papst“ Johannes Paul I. in einer kleinen Anekdote zum Besten gegeben. 

Er erzählt: „Ein Ire, der in seinem Leben wenig Gutes tat, stirbt und kommt an die Himmelspforte. Dort reiht er sich ein in eine lange Schlange. Er sieht, wie der Herr die einzelnen Akten aufblättert und zum Ersten sagt: „Ich war hungrig, du hast mich gespeist. Paradies!“ Zum Zweiten sagt er: „Ich war durstig, du hast mich getränkt. Ab ins Paradies.“ Und so ging es weiter. Als der Ire an der Reihe ist und ihm die Knie zittern, zieht der Herr seine Akten heraus und spricht: „Nun mein Sohn, viel steht bei dir nicht drinnen. Aber ich war einmal sehr traurig und du hast mir einen guten Witz erzählt. Da hast du mich so richtig zum Lachen gebracht. Jetzt aber ab ins Paradies!“ 

Liebe beginnt also bereits mit kleinen Aufmerksamkeiten, auch wenn man etwa in einer Gruppe oder Gemeinschaft für eine gute und frohe Atmosphäre sorgt. Aber ist es nicht manchmal auch schwer, sich selbst zu lieben? Man sagt: Wer sich selbst nicht mag, kann oft auch andere nicht leiden. Doch zur Selbstliebe und zur Nächstenliebe sind wir vor allem dann fähig, wenn wir uns auch von Gott geliebt wissen. „Denn Gott hat uns“, so heißt es im 1. Johannesbrief, „zuerst geliebt. Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm!“

Monsignore Richard Distler, Kirchenzeitung Nr. 44 vom 4. November 2018

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 3 vom 20.1.2019

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