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16.06.2017

„Christsein bedeutet Nächstenliebe“

Der Helferkreis in Woffenbach ist ein Beispiel dafür, dass gute Integration möglich ist. Die Zahl der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, ist deutlich gesunken. Dennoch kümmert sich ein Helferkreis, der sich im Neumarkter Ortsteil Woffenbach im Sommer 2015 gebildet hat, weiterhin um Menschen aus Syrien, dem Irak, Äthiopien und aus Palästina.

Christlich-muslimische Freundschaft: Die Helfer in Woffenbach kümmern sich unter anderen um ein Ehepaar aus Äthiopien. Foto: Meyer

Die Initialzündung dazu ging vom Woffenbacher Pfarrer Ewald Scherr und Neumarkts Bürgermeisterin Gertrud Heßlinger aus, die in Woffenbach lebt. „Wir sind eine ökumenische Gruppe“, erläutert Richard Rupp, der an der Mittelschule in Neumarkt tätig ist und sich auch als Pfarrgemeinderat engagiert. Zusammen mit Ursula Braun, Walter Laube und Albert Papendieck kümmert sich der 62-Jährige um die Geflüchteten.

Vielfältige Hilfe

In Woffenbach wurden rund 25 Flüchtlinge in einem angemieteten Haus untergebracht. In den Gottesdiensten und im Pfarrbrief wurde nach Helfern gesucht. Daraufhin hat sich zunächst ein loser Kreis von „Menschen guten Willens“ gebildet und Starthilfe angeboten. Pfarrer Ewald Scherr kaufte Bücher für den Deutsch-Unterricht.

Die 80-jährige Ursula Braun, ehemals Leiterin der katholischen Ehe- und Lebensberatungsstelle in Neumarkt, kümmerte sich um ein Ehepaar aus Palästina. „Ich habe ihnen eine Wohnung vermittelt, sie zur Volkshochschule zum Unterricht, zum Jobcenter und zu Ärzten begleitet“, schildert Braun ihre Hilfestellungen. Die erste Kontaktaufnahme gestaltete sich nicht nur sprachlich schwierig. „Sie staunten, dass eine Frau zu ihnen kommt. Mit holprigem Englisch, sonst mit Händen und Füßen, haben wir uns verständigt“, blickt Braun zurück.

Ihr Engagement ging aber  noch weiter. In ihr Haus durfte inzwischen der 24-jährige Syrer Mohammed Hawari einziehen. Der gelernte Physiotherapeut ist allein über die Balkanroute geflohen und hat seine Familie im Bürgerkriegsland zurückgelassen. Mohammed lernt fleißig Deutsch und hilft seiner Gastmutter bei täglichen Arbeiten. Beispielsweise trägt er schwere Kästen mit Getränken aus dem Auto. „Ich fühle mich wohl und brauche in Deutschland keine Angst zu  haben“, sagt der junge Mann und lacht dabei Ursula Braun an, die ein Lächeln zurückschickt. Die Chemie zwischen beiden stimmt.

Richard Rupp ist durch Papst Franziskus motiviert worden, der gesagt hat, „Geht an die Ränder“. „Ich habe gesehen, dass die Herausforderungen sozusagen vor der Haustür liegen“, sagt Rupp. Als an Ostern 2016 ein Stein gegen die Tür der Flüchtlingsunterkunft geworfen wurde, sei das ein zusätzliches Signal für ihn gewesen, zu helfen. Ein Flüchtling bekam durch ihn ein Praktikum, mit anderen ging er zum Arbeitsamt. Jede Woche vermittelte Rupp  den Asylanten Grundlagen der deutschen Sprache.

Die Helfergruppe musste aber auch Tragisches erfahren. „Ein Asylant, der nach Niedersachsen weggezogen ist, war nervlich  am Ende und hat Selbstmord begangen“, berichtet Rupp.

Walter Laube hat die Patenschaft  für ein Ehepaar aus Äthiopien übernommen. Seit fast zwei Jahren hilft er Adam Ejersa Jamila (20) und ihrem Mann Mohammed Haji Ahmad (22), sich hier zurechtzufinden. Beide gehen in die Berufsschule. „Ich unterstütze sie bei den Hausaufgaben und  Behördengängen“, erzählt der 65-jährige Walter Laube.

Vor wenigen Tagen ist der Nachwuchs der Äthiopier, ein Junge mit Namen Kaamil, auf die Welt gekommen. Die Laubes erfuhren viel von der Flucht und den Ängsten des Ehepaares. Das Volk der Oromo,  dem die beiden angehören, wird in Äthiopien verfolgt. Ihnen wurden Haus und Land abgenommen und sie wurden ins Gefängnis geworfen.  In Deutschland sind sie jetzt anerkannte Asylanten.

Beidseitige Bereicherung

„Immer wieder zeigen Jamila  und Ahmad uns ihre Dankbarkeit. Sie bereichern das Leben meiner Familie“, schildert Walter Laube. Die tiefgläubigen Muslime hätten auch ihn dazu inspiriert, sich wieder mehr mit Gott und mit dem Glauben zu beschäftigen.

Realschullehrer Albert Papendieck kam über den Verein „Chancen statt Grenzen“ zur Flüchtlingshilfe. Er geht mit Flüchtlingen zu Behörden, hilft ihnen Deutsch zu lernen und zeigt ihnen die neue Umgebung.

Zum Pfarrfest und zu Ausflügen wurden die Asylanten eingeladen und nahmen gern teil. In Gesprächen konnten alle Beteiligten viel voneinander lernen, die anfängliche Distanz wurde kleiner. 

Inzwischen ist die Zahl der Flüchtlinge in Woffenbach zurückgegangen. „Nach der Anerkennung als Asylanten müssen sich die Flüchtlinge selbst um Wohnungen kümmern. Davon gibt es in Neumarkt zu wenige. Deshalb sind die Menschen gezwungen wegzuziehen“, erklärt Ursula Braun.

Sie richtet deshalb einen Appell an die Neumarkter, aber auch an die Kirche, leerstehende Räumlichkeiten zur Miete anzubieten. Gerade bei vielen älteren Bewohnern gäbe es Platz, wenn die Kinder ausgezogen seien. „Die Flüchtlinge  können den Älteren helfen und umgekehrt“, beschreibt Ursula Braun ihre eigenen Erfahrungen.  „Zum Christsein gehört die Nächstenliebe und zu helfen“, appellieren die Unterstützer an die Gläubigen, auch selbst mit anzupacken.

Franz Xaver Meyer/jh, Kirchenzeitung Nr. 25 vom 18. Juni 2017

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