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06.12.2019

„Das eigene Beispiel ist wichtig" / Glaubensweitergabe einst und heute: Eine Vier-Generationen-Familie erzählt

Da war ein riesiger Regen“, erzählt der vierjährige Valentin, „der hat alles zerstört. Und dann haben die ein Schiff gebaut“. Während Valentin beginnt, sämtliche Tiere aufzuzählen, die an Bord waren, erinnert sich sein sechsjähriger Bruder Franz noch an weitere Details: „40 Tage hat der Regen gedauert. Dann ist eine Taube gekommen mit einem Zweig im Schnabel.“

Die Geschichte von der Arche Noah haben die Buben kürzlich im Schönstattzentrum beim Canisiushof gehört. Mit ihrem Opa Franz und ihrer Oma Ilse Treffer gehörten sie zu den Teilnehmern eines Großeltern-Enkel-Tages.

Foto: Gess

Jung und alt auf einem Sofa (v. r.): llse und Franz Treffer mit Enkelin Anna, Tochter Sandra mit Sohn Valentin und Ehemann Florian sowie Oma Frieda Treffer. Foto: Gess

Er richtete sich an Leute, denen die Weitergabe des Glaubens an die Erwachsenen von morgen noch ein Anliegen ist. Und die sich bewusst dafür Zeit nehmen, so wie die Treffers. Warum sie das tun, wollte die KiZ von der Gastwirtsfamilie aus Aschbuch (Pfarrverband Beilngries) wissen. Anlass des Gesprächs war eine umfassende Studie, die Wissenschaftler der Universität Münster vor kurzem vorstellten: In fünf Ländern wollen sie Familien befragen und herausfinden, welche Faktoren bei der Glaubensweitergabe an die nächsten Generationen entscheidend sind. 

„Sehr nett und kindgerecht“ habe Schwester Marlies Stetter den Tag am Canisiushof gestaltet, berichtet Ilse Treffer, die mit ihrem Mann schon länger Verbindung zum Schönstattzentrum pflegt. „Als Gastwirte sind wir auch deswegen dorthin gekommen, weil es da am Sonntagabend einen Gottesdienst gibt“, erklärt die 60-Jährige, die auch Mitglied eines Gebetskreises in ihrer Pfarrei ist. In ihren Wohnzimmer ist gerade eine Schönstatt-Pilgermadonna zu Gast, die in Aschbuch das ganze Jahr über von Haus zu Haus wandert.

Ältestes Familienmitglied ist die 84-jährige Frieda Treffer, Urgroßmutter von Valentin, Franz und deren einjähriger Schwester Anna. Als sie selbst noch ein Kind war, „da hat man in der Früh schon beten müssen, während einem die Mutter vor der Schule die Haare geflochten hat“, erzählt sie. 

Einst und heute

Jeden zweiten Tag ging es noch vor dem Unterricht zum Gottesdienst. Sie erinnert sich noch gut an einen Satz, den der Pfarrer einmal anschließend sagte: „Die Engelein saßen hinter Euch und haben so geweint, weil ihr in der Bank so viel geschwätzt habt.“ Streng ging es zu, für Kinder galten in der Kirche die selben Verhaltensregeln wie für Erwachsene. Am Nachmittag dann, wenn die Hausaufgaben erledigt waren und die Kinder im Dorf unterwegs waren, war es das Gebetläuten, das von allen einvernehmlich als Signal zum Heimgehen begriffen wurde.

Die Selbstverständlichkeit, mit der sie sonntags in die Kirche ging, setzte Frieda Treffer später auch bei ihren Kindern voraus.  Ihr ältester, 1958 geborener Sohn Franz erinnert sich: „Egal, wie spät ich Samstagnacht heimkam: Am nächsten Morgen musste ich in den Stall gehen und dann in die Kirche. Das war Gesetz.“ Und es habe ihm auch gar nichts aus-gemacht. Im Gottesdienst traf er seine Freunde wieder, „weil jeder von ihnen in die Kirche gegangen ist“. Nachdenklich macht es ihn, wenn ihm heute sein sechsjähriger Enkel erzählt, sein Freund finde Kirche blöd. In einem solchen Umfeld „tut man sich schwer, dass man vom Gegenteil überzeugt“. 

Vor mehr als 50 Jahren bauten die Treffers einen neuen Saal. Damals, 1966, „hatten wir samstags keinen Tanz“, erinnert sich Seniorchefin Frieda. Schließlich sollten die jungen Leute ja ausgeschlafen zum Sonntagsgottesdienst kommen. Stattdessen spielten sonntagabends Kapellen zum Tanz auf. Heute nehmen es die meisten Eltern wichtiger, dass ihr Nachwuchs am Montagmorgen ausgeruht zur Schule oder an den Ausbildungsplatz kommt, als dass er sonntags zur Kirche geht. Im Tanzhaus Treffer treten längst auch Rockbands auf. Am Eingang verkündet ein Plakat eine Party am 25. Dezember, den „Weihnachts-Bash“. 

Werte und Vertrauen

Alles werde „halt immer wilder und verrückter“, kommentiert  Sandra Steinlechner den Zeitgeist. Die älteste Tochter von Ilse und Franz Treffer ist nicht nur Mutter von Anna, Valentin und Franz, sondern auch Religionslehrerin an der Grund- und Mittelschule Denkendorf. Den Unterricht begreift sie als „Anleitung zum Leben“, als Ort der Wertevermittlung. „Ich definiere Glauben anders, als nur in die Kirche zu gehen“, findet sie und erntet prompt Widerspruch von ihrer Oma: „Der Herrgott will Euch in seinem Tempel auch mal sehn!“ Und auch ihre Mutter Ilse ist überzeugt: „Wenn ich das ganze Jahr keinen Gottesdienst mitfeiere, dann fehlt etwas.“ Oft höre man von Leuten: „Ich hab’ meinen Glauben und mach’ ihn mit meinem Herrgott allein aus.“ Ihr sei dagegen die Gemeinschaft wichtig, meint die Aschbucherin.

Frieda Treffer blickt wieder in ihre Kindheit zurück. In die Zeit, als man vor dem Pfarrer auf der Straße einen Knicks machte und „Gelobt sei Jesus Christus“ sagte. Statt der strengen Hochwürden von einst „haben wir heute Pfarrer, die sich so bemühen“, verweist sie auf Seelsorger, die die Kinder in den Gottesdienst einbeziehen und sie beim Vaterunser an den Altar holen. Oder auch, wie der Aschbucher Ortspfarrer, die Vorschulkinder zum afrikanisch Kochen einladen. Und doch sehe man immer weniger Kinder im Gottesdienst, bedauert die Seniorin. 

„Ich denke halt, dass das eigene Beispiel wichtig ist“, überlegt ihre Schwiegertochter Ilse. Das Vertrauen, dass es nach dem irdischen Leben weitergeht, das Wertefundament, das der Glaube bietet – all das gelte es es weiterzugeben an Kinder und Enkel: „Sonst ginge ganz viel Sinn im Leben verloren.“ 

Gabi Gess

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Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 8 vom 23.02.2020

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