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14.07.2017

Das Ringen um den „wahren Glauben“

Ausstellung in Neuburg lässt die Zeit der Reformation und Gegenreformation lebendig werden.

Bis zum 5. November ist in Neuburg die Ausstellung „Fürstenmacht und wahrer Glaube“ zu sehen. Die ehemalige Residenzstadt an der Donau bot sich für diese geschichtliche Schau von der Reformation bis zur Gegenreformation vor allem dadurch an, da sich in kaum einem anderen Staat im Heiligen Römischen Reich die Auseinandersetzungen um den „wahren Glauben“ intensiver abspielten, als im Fürstentum Pfalz-Neuburg.

 

Sechs Glaubenswechsel

1542 führte Pfalzgraf Ottheinrichden evangelischen Glauben ein, 1617 (heimlich bereits 1613) kehrtePfalzgraf Wolfgang Wilhelm (1578-1653) zur katholischen Kirche zurück. Diese Ereignisse betrafen nicht wenige Gläubige der Diözese Eichstätt, denn Pfalz-Neuburg hatte im Süden um Monheim und Bergen und im Nordosten um Velburg Besitz sowie auch in der Region um Allersberg, Hilpoltstein und Heideck.

Beide Glaubenswechsel wurden durch Krieg und Besatzung noch einmal rückgängig gemacht,bevor sie sich durchsetzten. Pfalz-Neuburg wurde gleich dreimal Reformation und Gegenreformation aufgezwungen. Für dieses Ringen waren religiöse und politische Motive entscheidend. 

Die Ausstellung beginnt mit den Symbolen für den Konfessionswechsel Ottheinrichs 1542/43, der Prachtbibel und der Neuburger Schlosskapelle. Beide wurden im vergangenen Jahr mit und in der Ausstellung „Kunst und Glaube –Ottheinrichs Prachtbibel und die Schlosskapelle Neuburg“ gewürdigt (die KiZ berichtete). Bis 7. August 2016 war dieser sozusagen erste Teil der Neuburger Ausstellung zum Reformationsgedenken zu sehen. Die Schlosskapelle mit ihren einmaligen Fresken ist der älteste fürden protestantischen Ritus ausgestattete Kirchenraum Deutschlands und somit der erste Höhepunktder Ausstellung. Im anschließendenRittersaal geht es um den Zusammenhang zwischen Fürst und Religion. Denn die Herrschendenbestimmten nach dem Motto „cuiusregio, eius religio“ (= wessen das Gebiet, dessen Religion), was die Untertanen zu glauben hatten. Im Rittersaal wird auch exklusiv und einmalig der Reichsapfel des „Winterkönigs“ Friedrich V. als Symbol der Pfälzer Kurwürde aus der weltberühmten Schatzkammer der Münchner Residenz gezeigt.Während der Ausstellung muss man den Rittersaal nicht wieder durch den Eingang verlassen. Denn eigens für deren Laufzeit ist ein zugemauerter Durchgang geöffnet worden. Der Besucher erfährt nun auf den Spuren der Pfalzgrafen in sechs Abteilungen Wissenswertes über die sechs aufeinander folgenden Pfalz-Neuburger Herrscher und ihre Regierungszeit. Hier lässt sich der mehrfache Wechsel der Konfession verfolgen, der stets von oben herab veranlasst wurde. Welche Auswirkungen hatte dies auf die Untertanen, die dann „daran glauben“ mussten? Als zu Beginn des 17. Jahrhunderts mit Hilfe der Jesuiten in Neuburg die Gegenreformation durchgeführt wird, mussten sich alle Bürger einem Verhör zu ihrem Glauben unterziehen. In der Ausstellung werden diese Befragungen multimedial nachvollziehbar.

Exklusiv während der Ausstellung ist neben dem Durchgang in den historischen Fürstengang eine weitere historische Räumlichkeit zu besichtigen, die in ihrer originalen Ausstattung vom Wirken der Jesuiten in der gegenreformatorischen Zeit kündet. Erstmals zu sehen ist eine bisher nicht existente, neu eingerichtete Schatzkammer der Hofkirche am Ende des Fürstengangs. 

Schließlich gelangt der Ausstellungsbesucher in die Hofkirche, die 1607 von Pfalzgraf Philipp Ludwig (1569-1614) noch als evangelischer Gegenentwurf zur Münchner Michaelskirche konzipiert und „Trutzmichel“ genannt wurde. Nach dem Konfessionswechsel Wolfgang Wilhelms wird sie programmatisch im Sinn der Gegenreformation als katholische Jesuitenkirche vollendet. Ihre beeindruckende Stuckausstattung und Rubens „Großes Jüngstes Gericht“ (seit gut 200 Jahren in der Alten Pinakothek in München) sollten die Kirchenbesucher vom „wahren Glauben“ überzeugen. 1618 hatte Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm dieses monumentale Altarblatt für den Hochaltar der Hofkirche persönlich beim Antwerpener Maler in Auftrag gegeben, das zu einem der wichtigsten Werke der Barockzeit, ja sogar der europäischen Malerei überhaupt zählt. Rubens malte auch für die Seitenaltäre der Hofkirche die Anbetung der Hirten und das Pfingstwunder und ebenso den Engelsturz für die Neuburger Pfarrkirche St. Peter.

Rund 150 hochkarätige Ausstellungsstücke werden in der Ausstellung gezeigt, die von 30 verschiedenen Leihgebern aus ganz Deutschland zur Verfügung gestellt wurden. Zum Beispiel das Gnadenbild „Anna Selbdritt“ aus einer der ältesten deutschen Pilgerstätten zur Bergbaupatronin Anna. Auch nach der Einführung der Reformation pilgerten Gläubige bis zum Ende des 16. Jahrhunderts dorthin. Um das endgültig zu unterbinden, ließ Pfalzgraf August (1582-1632), der 1615 in Sulzbach die Regierung antrat, das „Götzenbild“ konfiszieren und die Kirche zerstören. Sein Sohn Christian, der 1656 katholisch wurde, ließ auf dem Kastenbühl östlich von Sulzbach eine Kapelle errichten und das alte Gnadenbild wieder aufstellen.

Oder die fast lebensgroße Holzfigur der Gottesmutter, die am Abend des 9. Oktober 1680 während der Predigt des bekannten Kapuzinermönchs Marcus von Aviano, der sich auf Einladung des Pfalzgrafen vier Tage lang in Neuburg aufhielt, die Augen her und hin wendete, um schlussendlich wieder den Kapuziner anzublicken. Zeugen dieses Ereignisses waren die Gläubigen in der überfüllten Pfarrkirche St. Peter. Ab diesem Zeitpunkt wurde die Figur zum wundertätigen Gnadenbild, das Mitte des 19. Jahrhunderts dem Institut der Englischen Fräulein geschenkt wurde.

Zur Ausstellung „FürstenMacht und wahrer Glaube. Reformation und Gegenreformation“ ist beim Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, ein durchgehend farbig bebildertes Katalogbuch mit 452 Seiten erschienen, das 25 Euro kostet und nicht nur die Exponate beschreibt, sondern auch Aufsätze von Fachleuten zu Reformation und Gegenreformation bietet. 

Klaus Kreitmeir, Kirchenzeitung Nr. 29 vom 16. Juli 2017

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