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07.12.2018

Die Kolleginnen ohne Kragen

Frauen gewinnen in der Kirche zusehends an Selbstbewusstsein und übernehmen Leitungsämter

 

Barbara Bagorski, Simone Grill, Elisabeth Gutbrod, Walburga Kretschmeier, Prof. Dr. Barbara Staudigl: Das sind fünf der zahllosen Frauen, ohne deren Wirken und Engagement das Bistum Eichstätt nicht das wäre, was es ist.

Foto: Bernd Buchner

Evas Griff zum Apfel gilt als Sündenfall der Menschheit. Für Ordinariatsrätin Barbara Bagorski hat der Symbolgehalt dieser biblischen Geschichte kaum mehr Erschreckendes. Foto: Bernd Buchner

Ob haupt- oder ehrenamtlich, in Pfarreien, auf diözesaner Ebene oder darüber hinaus, Frauen sind seit vielen Jahrhunderten das Rückgrat und die Herzkammer der Kirche, auch wenn das Weiheamt und damit das Priestertum den Männern vorbehalten bleibt.

Dies wird oft als ein Hauptgrund genannt, warum Kirche in der säkular geprägten Öffentlichkeit als rückständig gilt. Doch auch in der Gesellschaft ist es mit der Gleichberechtigung oft nicht so weit her, wie ein Blick in die Geschlechterquote im bayerischen Landtag zeigt (siehe Bericht Seite 5 unten). Und die Kirche selbst hat sich in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt, was die Rolle der Frau angeht. „Frauen und Laien wurden lange gering geschätzt“, sagt Elisabeth Gutbrod, Leiterin der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB) in Nürnberg. Inzwischen sei aber eine Situation entstanden, „in der etwas aufbrechen könnte“. 

Vielen Katholiken gingen die Veränderungen allerdings nicht schnell genug, weiß Walburga Kretschmeier, die seit einigen Monaten an der Spitze des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB) in der Diözese steht. Die Kirche reagiere nur langsam auf die veränderten Rahmenbedingungen. „Frauen und Männer sollen partnerschaftlich handeln und sich zusammen für eine gerechte, friedvolle und lebenswerte Welt einsetzen“, sagt Kretschmeier.

Auch Barbara Staudigl hofft, „dass die Zeit noch reicht“. Vor 30 Jahren hätten sich Frauen „als unerwünscht empfunden“ für Führungsfunktionen in der Kirche, berichtet die neue Hauptabteilungsleiterin für Schulen und Hochschulen im Bischöflichen Ordinariat. Viele angehende Theologinnen hätten sich angesichts der damaligen Männer- und Klerikerkirche andere Jobs gesucht. „Wir haben schon viele Frauen verloren, die wir heute bräuchten“, sagt die frühere Chefin der Maria Ward-Realschule in Rebdorf. Auf 19 Prozent hoch Immerhin, in der obersten Leitungsebene der deutschen Diözesen ist der Frauenanteil seit 2013 von 13 auf 19 Prozent gestiegen, in der mittleren Ebene liegt er inzwischen bei 23 Prozent. Barbara Bagorski, die die Eichstätter Hauptabteilung Diakonale Dienste/ Apostolat leitet, nennt die Zahlen nicht ohne Stolz. Sie sind nicht zuletzt auch Früchte verschiedener Mentorenprogramme, die etwa der katholische Hildegardis-Verein anbietet. „Da werden Frauen für Führungsaufgaben qualifiziert“, sagt Bagorski. Als sie selbst vor vier Jahren ins Amt kam, „war es für manchen ungewohnt“, berichtet sie schmunzelnd. Noch heute gebe es da und dort bei Terminen Verwunderung, „wenn ich amtlich auftauche – warum nicht der Kollege mit dem Kragen spricht“. Einen Priesterkragen werden katholische Frauen wohl so bald nicht tragen dürfen, auch wenn Simone Grill genau dies verlangt. Für die Katholische Landjugendbewegung (KLJB), deren Landesvorstand sie angehört, wirbt Grill für eine „komplette Gleichberechtigung der Geschlechter“ und begrüßt die neu entfachte Debatte über Frauen als Diakoninnen. „Man darf aber auch Priesterinnen und Bischöfinnennicht ausschließen“, so Grill.

Staudigl stellt hingegen einen anderen Aspekt in den Mittelpunkt. Vor allem in ländlichen Gebieten gebe es noch immer das „traditionelle Frauenbild, nach dem sie zu Hause bleiben und sich um die Kinder kümmern sollen“. Und noch immer werde es nur mangelhaft wertgeschätzt, wenn Familienfrauen in Vollzeit und leitend arbeiteten. „Wir schauen auf sie immer mit einem defizitären Blick“, so Staudigl. Sie wünscht sich stattdessen mehr Anerkennung für das, was berufstätige Frauen leisteten.

„Erlebe das nicht so“

Gibt es sie noch, die katholische „Männerkirche“ mit dem Kleriker als Maß aller Dinge? Je höher man in der Hierarchie gehe, desto stärker sei sie noch spürbar, so die Erfahrung von KLJB-Frau Grill. Auch Walburga Kretschmeier bestätigt: „Die Momente gibt es schon. Frauen leisten in der Kirche sehr viel, sind aber nicht gleichberechtigt.“ Allerdings könne niemand auf die Charismen der Frauen verzichten. Staudigl hingegen sagt zur Männerkirche: „Ich erlebe das nicht so.“ Elisabeth Gutbrod findet, mit genügend Selbstbewusstsein könnten Frauen auch mit der Männerkirche umgehen. „Mich stört das nicht. Ich kann mir meinenPlatz erkämpfen.“

Auch zum Thema Frauenquoten gibt es unterschiedliche Positionen. Staudigl verneint klar, für sie soll die kompetenteste Person das Amt übernehmen. „Die Geschlechterfrage steht manchmal viel zu sehr im Vordergrund.“ Barbara Bagorski hingegen kann sich vorstellen, die Wahllisten für Pfarrgemeinderäte und Kirchenvorstände auf ihren Frauenanteil hin zu überprüfen. Eine Drittelquote hält sie für die untere Grenze. Allerdings: „Mit Zwang erreicht man wenig.“ Grill verweist darauf, dass die Vorstandsposten bei der KLJB selbstverständlich paritätisch besetzt werden. „Wir leben das und möchten da auch Signale in die Kirche hinein senden.“

Und wie diskutieren engagierte Kirchenfrauen mit jenen, die dem Christentum nicht so nah sind, über die „weibliche“ Kirche? Viele Kirchenferne äußern Unverständnis über Positionen und Haltungen, etwa zum Zölibat. „Da muss man schon die positiven Dinge auffahren“, bekennt KEB-Frau Gutbrod. Auch Grill und Kretschmeier verweisen in solchen Debatten darauf, dass man im Kleinen viel bewegen könne oder dass es in der Kirche inzwischen durchaus Frauen an verantwortlicher Stelle gibt. Siehe Barbara Bagorski und Barbara Staudigl, die als Hauptabteilungsleiterinnen in der Eichstätter Ordinariatskonferenzvertreten sind, wo die zentralen Entscheidungen des Bistums getroffen werden.

Staudigl, die ihr neues Amt erst im November übernahm, kann ein Lied von den gesellschaftlichen Anfechtungen gegenüber Kirchenfrauen singen: „Das habe ich jetzt sehr stark erlebt. Man muss aufpassen, dass man nicht anfängt, sich zu rechtfertigen.“

Bericht: Bernd Buchner, Kirchenzeitung Nr. 49 vom 9. Dezember 2018,

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Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 50 vom 16.12.2018

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