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01.07.2016

Ein besonderer himmlischer Schutz

Die Eichstätter Diözesanheiligen als Schutzpatrone eines schwäbischen Adelshauses: Der erste Sonntag im Mai ist in der Stadt Scheer an der Donau unweit von Sigmaringen ein ganz besonderer Tag. Morgens um Sechs werden die Bürger mit Musik und Böllerschüssen geweckt. Um zehn Uhr folgt dann das feierliche Hochamt in der Stadtpfarrkirche St. Nikolaus.

Ansicht von Scheer. Foto: Stadt Scheer

Ansicht von Scheer: Schloss und Pfarrkirche mit den drei Hauspatronen Wunibald, Walburga, Willibald des Hauses Waldburg, das heute in allen Zweigen über 100 lebende Mitglieder zählt. Foto: Stadt Scheer

Nach dem Gottesdienst beginnt die Reliquienprozession vom Kirchberg hinunter in die Stadt. Dabei werden die drei Büstenreliquiare der Heiligen Walburga, Willibald und Wunibald, die während des Jahres ihren Platz auf der Mensa des sogenannten Dreiheiligenaltars in der Pfarrkirche haben, von Gemeinderäten auf Sänften am Rathaus vorbei bis zur Donaubrücke und von dort wieder zurück hoch zur Pfarrkirche getragen. An diesem Sonntag hat die Prozession Vorfahrt. Sogar der Verkehr auf der Bundesstraße 32 wird wegen ihr angehalten.

Verordnung ist Ursprung

Seit über 400 Jahren ist die Verehrung der drei Eichstätter Diözesanheiligen in Scheer Tradition – Anfang Mai 2006 wurde das Jubiläumsmaifest „400 Jahre Reliquienverehrung der drei Heiligen Wunibald, Willibald und Walburga in Scheer“ festlich begangen. Prof. em. Ernst Reiter stellte dabei im Festvortrag die drei Heiligen und die Geschichte ihrer Verehrung in der Stadt an der oberen Donau vor. Denn das Maifest mit seiner Reliquienprozession hat seinen Ursprung nicht in der Volksfrömmigkeit, sondern geht auf eine Verordnung des Landesherren – die Adelsfamilie der Reichserbtruchsessen von Waldburg – zurück.

Erbtruchsess Christoph, Herr zu Friedberg, Scheer, Dürmentingen und Trauchburg, wählte 1603 die drei heiligen Geschwister zu den Schutzheiligen seines Hauses aus, weil er empfand, dass dem Haus Waldburg stark zugesetzt werde.  Zur Unterstützung sei ihm unter anderem „auch ein geistliche Hülf eingefallen“, schrieb er an seinen Vetter Heinrich. Diese geistliche oder himmlische Hilfe erwartete sich Christoph, der seit 1589 Senior des Gesamthauses war, von den heiligen Geschwistern, deren Lebensbeschreibung er aus der Feder des Eichstätter Bischofs Philipp von Rathsamhausen kannte. Auch glaubte er, dass die heilige Walburga nicht nur eine Namensvetterin, sondern ihre Familie auch Wappengenossen der Waldburger sei. „Dass St. Walburg nit allein den Namen gefirt, sondern neben dem Wappen auch unser Wappen, als der drey schwarzen Löwen im gelben Feld gefirt“, so teilte er seinem Vetter brieflich mit.

Zeiten des Umbruchs

Das 16. und 17. Jahrhundert waren unruhige Zeiten für das Haus Waldburg, das zu den ältesten und angesehensten Adelsgeschlechtern Schwabens gehört. Nicht nur der Dauerstreit mit den Habsburgern, Schulden, Erbstreitereien und Konflikte mit den Untertanen setzten der Familie zu, sondern vor allem der Umstand, dass ein Teil der Familie zum evangelischen Glauben übergetreten war. Deutlich wird dies an zwei Vertretern der Familie dem Augsburger Bischof und Kardinal Otto Truchsess von Waldburg-Trauchburg einem Streiter für die Reform und die Erneuerung der Kirche, und seinem Neffen, dem Kölner Kurfürsten und Erzbischof Gebhard I. von Waldburg, der im Dezember 1582 zum Luthertum übertrat und zwei Monate darauf seine Geliebte heiratete. Wie sehr dies Erbtruchsess Christoph belastete, wird an dem Schwur deutlich, den er seinen Sohn Wilhelm-Heinrich leisten ließ: immer der katholischen Kirche treu zu bleiben und es nie Christophs Brüdern gleich zu tun, die vom wahren Glauben abgefallen seien „also dass billig wir Erbtruchsessen und alle unsere Nachkommen darob ein abscheulich Exempel haben“.

Am Willibaldstag, dem 7. Juli 1603, stellte Christoph das ganze Haus Waldburg unter den besonderen Schutz der Eichstätter Diözesanheiligen. Zudem führte er in seinem Territorium für die heilige Walburga vier Feiertage: 25. Februar (Todestag), 1. Mai (Heiligsprechung), 4. August (Abreise von England) und 12. Oktober (Translation) sowie den jeweiligen kirchlichen Gedenktag der Heiligen Willibald und Wunibald (7. Juli und 18. Dezember) als verbindliche Festtage ein. Anfang des Jahres 1604 einigte man sich auf einer Familienkonferenz auf die Einführung der neuen Feiertage in allen waldburgischen Herrschaften.

Reiche Stiftungen

Zudem stiftete Christoph für diese neuen Feiertage Messen in der Scheerer Hofkapelle. Er und seine Frau Anna Maria, geborene Gräfin von Fürstenberg, stifteten den Unterhalt einer Lampe am Walburgisgrab in Eichstätt und eine goldene Schale für das Walburgisöl, die im Beisein des Erbtruchsessen im Altar der Klosterkirche St. Walburg am 1. Mai 1604 eingesetzt wurde. Die Schale wurde im Dreißigjährigen Krieg von den Schweden geraubt.

Das Einführen der Feiertage war das eine, Christoph wünschte sich aber auch Reliquien der neuen Hauspatrone. Auf sein Betreiben wurden 1606 die Gräber Walburgas und Wunibalds in der Klosterkirche Heidenheim geöffnet. Doch sie waren leer. Markgraf Joachim-Ernst von Brandenburg zu Ansbach schenkte dem Waldburger als Anerkennung für seine Dienste für die Markgrafen, das Haupt des heiligen Wunibald samt dem Büstenreliquiar aus vergoldetem Kupfer, das aus dem 11.-13. Jahrhundert stammt. Da Christoph das wertvolle Geschenk in Ansbach nicht persönlich abholen konnte, ließ er es von seiner Frau Maria Anna abholen und am 27. April 1606 feierlich nach Scheer überführen. Das Reliquiar wurde bei seiner Ankunft in Scheer am 30. April mit einer feierlichen Prozession empfangen und in der Hofkapelle eingesetzt.

Wertvolle Reliquiare

Das Wunibalds-Reliquiar ist 37,5 Zentimeter hoch und hat an der Vorderseite unten einen Nischenfries mit je einer kleine Büste der Heiligen Margaretha, Katharina, Bonifatius, Willibald, Walburga, Wunibald und Richard, in der Mitte eine Kreuzigungsgruppe und auf der Unterseite den eingravierten Schenkungsbericht.

In den folgenden Jahren bemühte sich Christoph, auch von den beiden Geschwistern Wunibalds Reliquienbüsten zu bekommen. Mit Erfolg. 1609 erhielt er vom Eichstätter Bischof Johann Konrad von Gemmingen ein Walburga- und ein Willibald-Reliquiar, die der Eichstätter Oberhirte von einem Goldschmied nach dem Vorbild des Wunibald-Reliquiars hatte anfertigen lassen.

Das Reliquiar des Eichstätter Bistumsgründers ist 40 Zentimeter hoch, die Reliquien stammen aus dem Dom. Willibald trägt das Rationale, auf dem fünf Tugenden stehen, unten ein Nischenfries mit zwölf Heiligen und in der Mitte ein Medaillon mit der Krönung Mariens.

Das 43 Zentimeter hohe Walburga-Reliquiar hat ebenfalls einen Nischenfries mit zwölf Heiligen und in der Mitte eine Nische mit einem kleinen Brunnen für das Walburgisöl. Die Reliquien Walburgas sind ein Geschenk der Äbtissin Susanna Lodenmayrin von Sankt Walburg. Christoph freute sich über das wertvolle Geschenk aus Eichstätt: „Die Bilder sein gar hipsch und wol gemacht, kosten nachher bey 400 fl., aber der Herr Bischof hat mirs verehrt“, schreibt er 1609 an seinen Vetter Froben, den jüngeren Bruder Heinrichs und Begründer der Linie Waldburg-Zeil.

Klaus Kreitmeir, Kirchenzeitung Nr. 27 vom 3. Juli 2016

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