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10.02.2017

Einblick ins islamistische Weltbild

Gewalt im Namen der Religion beschäftigt die Sicherheitsbehörden in Deutschland, wie jüngst in Hessen bei einer Großrazzia gegen die islamistische Szene. Zwei Experten der Bischofskonferenz referierten auf Einladung des Diözesanbildungswerks.

In Plankstetten begrüßte Dr. Ludwig Brandl (l.) Nora Kalbarczyk und Dr. Timo Aytac Güzelmansur von der Fachstelle CIBEDO der Bischofskonferenz. Foto: Gabi Gess

Potentielle Gefährder machen Angst und tragen dazu bei, dass der gesamte Islam unter Generalverdacht gerät. Vor diesem Hintergrund sei Differenzierung um so wichtiger, hieß es in der Einladung zu einer Veranstaltung des Diözesanbildungswerks Eichstätt, bei der Begriffe wie Salafismus, Islamismus oder Dschihadismus geklärt wurden. Der Direktor des Diözesanbildungswerks Eichstätt, Dr. Ludwig Brandl, konnte dazu zwei Experten im Kloster Plankstetten begrüßen: Nora Kalbarczyk und Dr. Timo Aytac Güzelmansur von der Christlich-Islamischen Begegnungs- und Dokumentationsstelle (CIBEDO) der Deutschen Bischofskonferenz.

Güzelmansur, ist seit zehn Jahren Referent und seit vier Jahren Geschäftsführer von CIBEDO. Geboren 1977 in der Türkei, studierte er Philosophie und Theologie in Augsburg und Rom und machte an der Hochschule St. Georgen seinen Doktor in Theologie. Zwischenzeitlich war er persönlicher Referent des Bischofs von Anatolien.

Sein Referat vor zahlreichen Zuhörern begann Güzelmansur mit Zahlen und Fakten über Muslime in Deutschland. Geschätzte fünf Millionen aus 40 Nationen seien es heute, davon sind Türken mit rund 60 Prozent die größte Gruppe. Konfessionell teilen sich die Muslime auf in Sunniten, die mit 75 Prozent die weitaus größte Gruppe bilden, in Schiiten und Aleviten. Es gebe konservative, aber auch säkularistische Muslime, „so wie ja auch nicht jeder Katholik sonntags in die Kirche geht“. Größte muslimische Organisation in Deutschland sei die DITIB, die türkische Sunniten in 970 Moscheegemeinden vertritt und damit dreimal so viele wie der Zentralrat der Muslime.

Die Wahrheit gepachtet

Wann wird aus Islam Islamismus? Dies machte der Referent anschließend deutlich. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 sei dieser Begriff in den Mittelpunkt gerückt, blickte Güzelmansur zurück und definierte Islamismus als politische Ideologie mit allumfassendem Herrschaftsanspruch. Eine spezielle Form davon sei der Salafismus. Er orientiere sich an den ersten drei Generationen der Muslime, die im 7. bis 9. Jahrhundert lebten, im sogenannten Goldenen Zeitalter. Salafisten forderten die Reinigung von modernen Strömungen und beanspruchten, die einzigen Vertreter des wahren Islam zu sein. Auch Muslime, die nicht auf ihrer Linie liegen, betrachteten sie als Ungläubige, weltliche Gesetze lehnten sie kategorisch ab.

Auch hierzulande gerieten junge Leute in den Bann des Salafismus, „denn dieser agiert auf deutsch“, erinnerte Güzelmansur an Hassprediger wie Pierre Vogel, einen Ex-Boxer und geschickten Redner aus Köln: „Unter Jugendlichen ist er eine Größe.“ Das Internet spiele eine wichtige Rolle bei der Nachwuchsrekrutierung, verwies der Theologe auf Videos und Predigten auf Youtube. Auch Koran-Verteilaktionen in Fußgängerzonen („Lies“) erregen immer wieder Aufsehen. Wichtiger Sponsor für solche Aktionen seien Saudi-Arabien und die Golfstaaten.

Güzelmansur wünschte sich hier eine konsequente Haltung gegen Salafisten-Unterstützer, wie sie etwa Grünen-Politiker Cem Özdemir mit seiner Kritik an Investoren in Saudi-Arabien an den Tag gelegt habe. Weniger Lob erntete dagegen der FC Bayern München: „Da wird in den Fußballstadien an Respekt und Toleranz appelliert. Und wo halten sie ihr Trainingslager ab? In Katar!“

Den zweiten Teil des Studiennachmittags übernahm Islamwissenschaftlerin Kalbarczyk, die in Berlin und Kairo studiert hat. Seit einem Jahr ist die 30-jährige gebürtige Berlinerin islamwissenschaftliche Referentin bei CIBEDO. Kürzlich war sie Referentin bei einer Priesterwerkwoche, aber sie spricht auch vor Ehrenamtlichen aus der Flüchtlingsarbeit oder bei Lehrer-Tagungen. In Plankstetten zeigte sie anhand der drei Beispiele Dschihad, Religionsfreiheit und Unterdrückung von Frauen auf, wie bestimmte Positionen sich durch den Koran legitimieren oder eben auch entkräften lassen. „Wir denken oft, wir brauchen nur den Koran in die Hand nehmen um uns über bestimmte Positionen des Islam zu informieren. Aber so einfach ist es nicht.“ Zum einen gebe es noch andere Quellen wie die Sunna, zum anderen habe die arabische Sprache ein großes Bedeutungsspektrum: „Dass der Koran ein Gesetzbuch sei, ist eine salafistische Meinung.“

„... wie wenig wir wissen“

Güzelmansur meinte im Gespräch mit der KiZ „Wir können nicht alle Ängste wegnehmen, aber vielleicht ein bisschen Differenzierung schaffen. Wir reden von einer wirklich kleinen Minderheit.“ Brandl wertete die Tagung als Beitrag „zu einer Versachlichung und kompetenten Information über den Islam. Dies ist eine der wesentlichen Voraussetzungen für einen ernsthaften und weiterführenden Dialog zwischen den Religionen“. Und ein Teilnehmer gab die Rückmeldung, bei dem Seminar sei ihm klar geworden, „wie wenig wir vorher und auch jetzt noch vom Islam wissen“.

Gabi Gess, Kirchenzeitung Nr. 7 vom 12.2.2017

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