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22.03.2019

Eine Reform mit gemischten Gefühlen Neuordnung der Seelsorge im Bistum geht voran / Pfarrverbände tauschen Erfahrungen aus

Was ist denn das Gegenteil von Synergie?“ Ein Teilnehmer der Runde übt sich in Ironie, erntet aber nur wenig Lachen. Die Gefühle sind gemischt, die Stimmung verhalten, als sich am letzten Samstag im Februar rund 50 Haupt- und Ehrenamtliche in Nürnberg-Katzwang treffen. Sie gehören zur Minderheit jener fünf Pfarrverbände im Bistum, die sich im Zuge der vor zwei Jahren angestoßenen Pastoralreform für das Kooperationsmodell 2 entschieden haben.

Foto: Buchner

Große Runde, viele Themen: Vertreter der Pfarrverbände mit Modell 2 der Pastoralreform tauschten ihre Erfahrungen aus. Foto: Buchner

Richard Ulrich und Diakon Thomas Schrollinger von der Abteilung für pastorale Konzeption und Innovation im Eichstätter Ordinariat wollen nun von den Leuten vor Ort wissen: Wie hat sich die Zusammenarbeit entwickelt? Was waren die neuen Themen? Gab es Synergieeffekte? Was hat sich (nicht) bewährt, ist das Modell weiterzuempfehlen? Zu den fünfen zählen neben Hilpoltstein (siehe eigener Bericht S. 5) vier Verbände aus dem Dekanat Nürnberg-Süd: St. Johannes der Täufer, Langwasser, Katzwang-Reichelsdorf sowie Nürnberg-Süd-West.

„Die Zusammenarbeit steckt noch in den Kinderschuhen“, heißt es aus dem Verband Süd-West mit Eibach, Maria am Hauch und Stein. „Jeder denkt noch sehr pfarreimäßig. Der Pfarrverband lebt noch nicht.“ Ob die drei Pfarreien einmal zu einer zusammenwachsen, soll bewusst nicht vorgegeben werden. Schon jetzt aber gibt es nur noch einen Pfarrer, Michael Alberter. Der regt an, „dass wir den Rhythmus der Pfarrgemeinderatssitzungen überdenken“. Da die Basisarbeit in den Kirchortsräten getan wird, „schwimmt der PGR in seinen Aufgaben und Zielen“, heißt es. Doch Synergieeffekte gibt es durchaus: beim Pfarrbrief, bei gemeinsamen Veranstaltungen wie etwa an Fronleichnam.

 

„Kritische Punkte“

Katzwang-Reichelsdorf sieht die Zusammenarbeit grundsätzlich sehr positiv. Das Modell sei für räumlich eng zusammenliegende Gemeinden gut geeignet, heißt es, auch wenn die Frage nach Synergien noch zu früh komme. Zu den „kritischen Punkten“ zählt man aber auch hier die unklare Aufgabenverteilung zwischen Kirchortsräten und Pfarrgemeinderäten.

Auch in Nürnberg-Langwasser arbeiten die Gremien der vier Pfarreien gut zusammen, etwa beim gemeinsamen Pfarrmagazin.

„Der Austausch beginnt, aber das dauert“, ist aus dem Verband zu hören. In Sachen Kommunikation sei man noch am Anfang: „Persönliche Kontakte sind wichtig und wachsen langsam.“ Das Modell sei zwar gut, um die Zusammenarbeit zu vertiefen, „aber bei der Verwaltung fehlen uns Ideen und Hilfen“.

Eine einzige Pfarrei – St. Johannes  der Täufer – ist inzwischen aus den früheren Gemeinden Altenfurt, Fischbach und Moorenbrunn geworden, die schon drei Jahrzehnte kooperierten. Das Thema Kommunikation ist dort gleichwohl immer noch schwierig, heißt es: „Wenn Sachen entschieden werden, und die anderen bekommen es nicht mit, gibt es Unmut.“ Zurzeit wird in St. Johannes eine Lebensraumanalyse erstellt, die Aufschluss über die Bedürfnisse der Bewohner vor Ort geben soll: „Welche Menschen wohnen bei uns, was brauchen sie, wie kommen wir in Kontakt mit ihnen?“

Im zweiten Teil des ganztägigen Treffens fanden sich die Teilnehmer in inhaltlichen Gruppen zusammen. Darin ging es etwa um die Frage, ob in den Verbänden ein Pastoralkonzept erarbeitet werden sollte. „Wir müssen uns klar werden, was unser Produkt ist“, hieß es dort etwa. Ob ein Pastoralkonzept Sinn hat, ist durchaus umstritten. Einer der anwesenden Geistlichen sagte, zuerst sei „Grundlagenarbeit“ erforderlich, man solle den Hauptamtlichen nichts vorsetzen. Motto: Die wüssten schon, was sie zu tun hätten.

Drei Aspekte wurden in den Diskussionen immer wieder angesprochen. Erstens fehlt den Pfarrverbänden bei verwaltungstechnischen, organisatorischen und strukturellen Fragen nicht selten die Hilfe durch das Bistum. „Wir fühlen uns ziemlich alleingelassen“, hieß es. Manchmal kommt man vor Ort gar nicht auf die Idee, in Eichstätt zu fragen. Das Bistum, sagte Schrollinger, denke eher subsidiär: „Wenn Fragen da sind, einfach mal anrufen.“ Zweitens bedeutet das Modell 2 offenbar einen höheren zeitlichen Aufwand für die Ehrenamtlichen. „Wenn die Not groß ist, sollen’s die Ehrenamtlichen schultern“, wurde kritisch angemerkt. Die dahinterstehende Grundsatzfrage: Wie kann Seelsorge so gestaltet werden, dass das Konzilswort in Erfüllung geht, wonach alle Getauften Verantwortung für die Kirche tragen?

 

Umstrittener Begriff

Drittens stören sich viele Engagierte am „unmöglichen“ Begriff Kirchortsrat. Das „Wortungetüm“ habe große Verwirrung ausgelöst, war zu hören. Andere Teilnehmer sagten hingegen, in ein paar Jahren sei die Bezeichnung öffentlich etabliert. Es gibt die Angst vor einem gewissen Selbstwertverlust, „wenn wir nur noch ein Kirchort sind“. Die andere Seite der Medaille: „Es gibt auch keinen Pfarrer mehr, auf den man etwas abwälzen kann.“

Die Stimmung bleibt bis zum Ende hin gemischt. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir uns entwickeln“, sagt eine Hauptamtliche. „Wir sind am Limit. Um etwas Neues zu machen, braucht man Freiräume. Die sehe ich nicht.“ Eine langjährige Ehrenamtliche will sich ein Stück Zuversicht nicht nehmen lassen: „Unsere Aufgabe ist auch zu fragen, wie ich auf andere wirke, was ich ausstrahle. Nur so kann ich andere vom Christentum begeistern.“

Bernd Buchner

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Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 16 vom 21. April 2019

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