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24.01.2020

Erste Schatten über der heilen Welt - Todesfälle und Unglücke im Kindergarten-Umfeld: Bistum baut Hilfen aus - Spezielle Bücherkisten

Es ist eine Erfahrung, die man kleinen Kindern gern ersparen möchte und es doch nicht immer kann: in ihrer engsten Umgebung verstirbt ein Familienmitglied, vielleicht auch ein Spielkamerad. Für solche Situationen bietet die Kinder- und Kindergartenpastoral der Diözese konkrete Unterstützung an.

Foto: pde/Hoffmann

Eine Kiste mit Kinderbüchern zum Thema Trauer, Tod und Abschied hat Tuoi Weisensel-Hoang für jedes Dekanat zusammengestellt. Sie ist Referentin für Kinderpastoral und Projektleiterin derKindergartenpastoral Nürnberger Süden. Foto: pde/Hoffmann

Referentin Tuoi Weisensel-Hoang hat „Trauerkisten“ mit jeweils 14 Bilderbüchern für Drei- bis Siebenjährige zusammengestellt. In jedem Dekanat wird künftig solch eine Kiste für den Bedarfsfall zur Verfügung stehen. Das Ganze ist ein Baustein eines geplanten Projekts zu Krisenintervention und Trauerseelsorge in den Kindergärten des Bistums. Langfristiges Ziel ist es, in Zusammenarbeit mit der seit Jahren etablierten Krisenseelsorge im Schulbereich ein Team auszubilden, das bei einem Unglücks- oder Todesfall im Umfeld einer Kita vor Ort Nachsorge leistet.

 

In allen Dekanaten

Gespräche mit dem Fachpersonal in den Kitas hätten gezeigt, dass es Handlungsbedarf gebe, berichtet Weisensel-Hoang. Und sie steht mit dieser Einschätzung nicht allein da. So erhielten vor wenigen Monaten alle Landratsämter und kreisfreien Städte ein Impulsschreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales mit der Bitte, in allen Kindertageseinrichtungen Unterstützungsstrukturen aufzubauen  und „die Träger und Einrichtungsleitungen bei der Vorbereitung auf mögliche Krisensituationen zu unterstützen“. Etwa zur selben Zeit stellte das Bistum Augsburg eine neue Handreichung für Erzieherinnen und Erzieher vor: Die „Akutmappe Sterben, Tod und Trauer in der Kita“. Diese Mappe wird gerade mit Unterstützung der Fachakademie für Sozialpädagogik für das Bistum Eichstätt „übersetzt“. Sie soll spätestens Ende März in Druck gehen, hofft Weisensel-Hoang.

Über die Bücherkiste hat sie bereits bei den Leiterkonferenzen des Caritas-Kindergartenreferats informiert: Geplant sind zehn Kisten, die möglichst flächendeckend in den acht Dekanaten des Bistums verteilt werden. Standort wird jeweils eine Pfarrbücherei sein, denn „Büchereien sind eine gut frequentierte Anlaufstelle von Kindern, jungen Familien und anderen Jahrgängen“, erläutert Weisensel-Hoang. „Gehäuft werden hier von Eltern und Großeltern Kinderbilderbücher für besondere Themen wie Tod oder Trennung angefragt.“

Die Kiste sollen als Ganzes zur kostenfreien Ausleihe für Kitas zur Verfügung stehen. In der anderen Zeit sollen sie der Laufkundschaft in den Büchereien zur Ansicht zur Verfügung stehen. Die Standorte wurden vorrangig nach Öffnungszeiten und zentraler Erreichbarkeit für alle katholischen Kindergärten gewählt. „Aber die Ausleihe sollte auch anderen Kindergärten möglich sein“, wünscht sich die Initiatorin. Sie hoffe, „dass die schönen und ansprechenden Kinderbilderbücher den Kindern, Erzieherinnen und Eltern Lust und Freude machen, sich mit diesem schweren, aber doch bunten Thema auseinanderzusetzen, und helfen, miteinander ins Gespräch zukommen“.

Eine der Bücherkisten wird in der Stadt- und Pfarrbücherei Herrieden stehen. Die langjährige Leiterin Dorothea Ertel hat viel Erfahrung in der Zusammenarbeit mit den Kindergärten in ihrem Einzugsgebiet. Zu allen möglichen Schwerpunktthemen, die die Erzieherinnen und Erzieher mit ihren Schützlingen erarbeiten, hat Ertel schon eine Auswahl an geeigneten Büchern zusammengestellt, von Feuerwehr bis Wald. Auch zum Stichwort Sterben und Tod gibt es einen Fundus an Kinder-Literatur in der Herrieder Bücherei, die schon einmal einen Elternabend zu diesem Thema organisiert hat. Für Ertel ist die neue Kiste aus dem Referat für Kinderpastoral dennoch eine Bereicherung. Denn die Truhe enthält viele Titel, die es in der Bücherei bislang noch nicht gab. 

 

Zurück in die Normalität 

Wenn Kinder in Büchern über Sterben und Abschiednehmen blättern, brauchen sie ihre Eltern oder Erzieherinnen und Erzieher an der Seite. Und wenn auch die von einem konkreten Fall traumatisiert sind, dann hilft manchmal Anton Schatz weiter. Der Pfarrer von Böhmfeld ist der Hauptverantwortliche für die Kinderpastoral im Bistum Eichstätt. Er schildert einen konkreten Fall: Kurz vor Weihnachten bekam er einen Anruf von einem Kindergarten: Der Vater eines Buben war bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt. Nun wollte die Leiterin wissen, ob sie den anderen Kindern und deren Eltern Bescheid sagen sollte. Schatz’ Antwort war eindeutig: „Auf jeden Fall, Transparenz ist da ganz wichtig“. Schnappten die Kinder immer nur Gesprächsfetzen über die Unfallumstände auf, dann entstünden in ihren Köpfen verstörende Bilder. 

Ein paar Wochen nach dem Unglück besuchte Schatz den Kindergarten und hielt dort „einen ganz kleinen, schlichten Gottesdienst“. Dabei wurde eine Blumenzwiebel in die Erde gelegt. Wenn daraus eine Blüte geworden ist, „dann werde ich wieder rausfahren“, kündigt Schatz an, „um das Leben zu feiern.“. Es gehe ihm um „ein kindgerechtes, religiöses Nacharbeiten“ eines Todesfalls.

Wie wichtig diese Nachsorge ist, bestätigt Diakon Thomas Rieger. Er ist Referent für die Notfallseelsorge im Bistum Eichstätt und arbeitet ebenfalls beim Aufbau des geplanten Kriseninterventionsteams für Kindergärten mit. Er kommt immer wieder mit Unglücks- und Todesfällen im Kindergartenumfeld in Berührung. So gab es vor rund einem Jahr in einem Kindergarten in Wemding einen Unfall: Beim Proben für den Adventsgottedienst fing der Pullover eines Fünfjährigen Feuer, das Kind erlitt schwere Brandverletzungen. Rieger stand den Kindern und dem Kita-Personal nicht nur in der Panik direkt nach dem Rettungseinsatz bei, sondern betreute sie auch darüber hinaus und half ihnen, zur Normalität zurückzukehren, unbefangen neue Projekte anzugehen, die Angst abzulegen. Natürlich könne man das Geschehene nicht vergessen machen, meint er. Aber man könne „eine Brücke über das Ereignis bauen, um weiterzumachen“.

Gabi Gess

Bücherliste: „Trauerkiste“ mit Kinderbilderbüchern für 3 bis 7 Jährige


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Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 8 vom 23.02.2020

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