Zum Inhalt springen
20.09.2019

„Es gilt, die Einheit zu wahren“ Wie steht’s um den Synodalen Weg? / Nachfragen bei Bischof Gregor Maria Hanke

KiZ: Herr Bischof, die deutschen Katholiken schauen auf ein bewegtes Wochenende zurück und sind einigermaßen verblüfft über die Dynamik der Dinge. Die Beratungen der gemeinsamen Konferenz von Deutscher Bischofskonferenz (DBK) und Zentralkomitee der Katholiken (ZdK) über den bevorstehenden Synodalen Weg in Fulda waren überschattet von einem kontroversen Briefwechsel zwischen Rom und Deutschland. Was jetzt alle wissen wollen: Findet der Synodale Weg wie geplant statt?

Foto: DBK

Der Synodale Weg – wie ihn die Bischofskonferenz auf ihrer Homepage illustriert: Wohin soll es gehen? Steht die Richtung fest?                                                                            Foto: DBK

Bischof Gregor Maria Hanke:

Der Synodale Weg stand in Fulda nicht zur Disposition. Es herrscht jedoch zu einigen Punkten Klärungsbedarf, wie auch der rege Briefverkehr der letzten Tage zwischen Rom und DBK nahelegt. Es braucht das offene Gespräch und die Bereitschaft, sich etwa mit den aus Rom vorgetragenen Bedenken hinsichtlich der Satzung sachlich auseinanderzusetzen. Für mich selbst ist noch nicht ersichtlich, welche Verbindlichkeit den Diskussions- und Beschlussinhalten des Synodalen Weges zukommen soll. Wenn nun auf der einen Seite betont wird, die Beschlüsse des Synodalen Weges könnten keinen Bischof und kein Bistum rechtlich binden, auf der anderen Seite aber herausgestellt wird, der Synodale Weg müsse zu verbindlichen Ergebnissen führen, erscheint mir das problematisch. Das könnte zu massiven Enttäuschungen und Verwerfungen führen.

 

Hat der medial begleitete Austausch der Schreiben vom Wochenende in zum Teil ungewöhnlich deutlichem Ton in der Öffentlichkeit Ihrer Ansicht nach zur Konturierung des Profils der katholischen Kirche beigetragen oder eher das Bild einer Kirche in der Krise untermauert?

Bischof Hanke:

Dissens braucht Offenheit und Realitätssinn. Nach meiner Ansicht lenken die jüngsten Schreiben den Blick auf die Problemspitze des Projekts Synodaler Weg: Was will die Kirche in Deutschland mit dem Synodalen Weg erreichen und mit welcher Verbindlichkeit? Wie wird die Kirche in Deutschland mit Blick auf die universalkirchliche Gemeinschaft mit Beratungsergebnissen oder Voten umgehen, die der kirchlichen Lehre zuwiderlaufen? Hier sehe ich offene Fragen. Das Schreiben von Kardinal Ouellet weist, so meine ich, auf diese Flanke hin.

Dass neben dem Antwortbrief von Kardinal Marx an Kardinal Ouellet nun auch die erweiterte Kommission aus DBK und ZdK am vergangenen Samstag in Fulda einen Antwortbrief auf das Schreiben des Papstes an das gesamte Volk Gottes in Deutschland verfasst hat, kam überraschend. Der Brief stand ursprünglich nicht auf der Tagesordnung. Ich habe persönlich weder den Text zur Kenntnis nehmen noch darüber abstimmen können, da ich vorzeitig abreisen musste. Ich hätte mich allerdings im Rahmen der gemischten Kommission nicht legitimiert gefühlt, für den Brief zu votieren, da ich als Mitglied dieser speziellen Gruppe nicht für den ganzen Synodalen Weg hätte sprechen können. Überdies denke ich, wir hätten uns vor einem Antwortschreiben an den Papst eingehender mit den Anfragen aus Rom auseinandersetzen sollen. 

 

Sie waren Mitglied im Forum „Macht, Partizipation und Gewaltenteilung“, eine der vier Vorbereitungsgruppen zu den großen Themen, die für die Plenarversammlungen des Synodalen Wegs aufbereitet wurden. In diesem Kreis haben Sie sich zwei Mal getroffen, dazu kommen weitere Treffen wie das am vergangenen Wochenende, die Herbstvollversammlung kommende Woche wird sich ebenso mit dem Thema befassen, wie die Vollversammlung des ZdK etwas später. Ein enormer Aufwand, der da betrieben wird. Angesichts zum Teil sehr skeptischer und kritischer Äußerungen, die zum Thema Synodaler Weg zu hören sind, drängt sich die Frage auf, ob sich der Aufwand denn auch lohnt.

Bischof Hanke: 

Es war unter den Bischöfen nach der MHGStudie zu sexuellem Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz und ihrer Auswertung die Grundtendenz da, dass es kein „Weiter so“ geben kann, dass ein Dialog notwendig ist angesichts der schrecklichen Ereignisse. Das war und ist unbestritten. Dieser Dialog sollte in der Form des Projekts Synodaler Weg organisiert werden. Es gibt berechtigte Skepsis, ob dieser Synodale Weg, wie er sich jetzt abzeichnet, wirklich ein geistliches Ergebnis bringen wird, denn wir sind doch sehr in Strukturfragen befangen. Nach meinem Dafürhalten muss da zunächst einmal die Bereitschaft bestehen, aufeinander zu hören und die Anliegen des anderen ernst zu nehmen, sonst kommt man bei dieser Divergenz an Positionierungen nicht weiter und das Ganze wird ein rein politischer Prozess, in dem Mehrheiten die Minderheiten nur noch blockieren. Das wäre natürlich das Ende dieses Weges, da würde ich auch sagen, da ist dann jeder Euro Kirchensteuer rausgeworfenes Geld.

 

In Ihrem Forum hat zwangsläufig das Thema Machtmissbrauch eine besondere Rolle gespielt, in Verbindung mit dem zuletzt immer wieder gehörten Schlagwort des „Klerikalismus“ geht es da ans Eingemachte des katholischen Kirchenverständnisses.

Bischof Hanke:

Ausgangspunkt für das Thema war wie gesagt die MHG-Studie, der sexuelle Missbrauch, der nach der Studie auch zusammenhängt mit bestimmten innerkirchlichen Milieus, die ein solch verbrecherisches Verhalten, entsetzlicherweise auch noch im Namen des Evangeliums, befördert haben. Es geht also darum, auf solche fördernden Strukturen zu schauen und zu analysieren, was sich ändern muss. Ich persönlich habe hier eine Strukturlastigkeit in der Diskussion festgestellt und das auch im Forum deutlich zum Ausdruck gebracht. Wenn ich den Missbrauch so stark an den Strukturen festmache und sage, die Kirche hat korrupte Strukturen und wenn das letztlich die monokausale Erklärung ist, dann wird im Gegenzug eigentlich der Missbrauchstäter exkulpiert, denn er ist ja selbst ein Opfer der Strukturen. Mir fehlt in dem Kontext auch die Frage: Was ist beim Missbrauchstäter, bei denen, die überhaupt Macht missbrauchen, eigentlich an Glaubensverlust festzustellen, was ist dort an innerer Korrosion vonstatten gegangen, was gibt es dort an Minderung geistlicher Einstellungen und Haltungen?

Man hat sich sehr, sehr schnell auf die Strukturen und die Änderungen der Strukturen fokussiert und formuliert, die Kirche müsse sich ganz einfach der demokratischen Gesellschaft anpassen – eine sehr stark soziologisch gefärbte Debatte. Beim zweiten Treffen herrschte da dann schon eine erheblich nüchternere Sicht und es gab auch einen Konsens, dass die Kirche sich eben nicht ganz einfach der demokratischen Gesellschaft anpassen kann, sondern dass es vielmehr darum gehen muss, das Verhältnis von Kirche und demokratischer Gesellschaft ganz neu zu bestimmen. Letztlich ist das Kirchenverständnis der Knackpunkt des Synodalen Weges, da werden wir sicher noch weitere Streitgespräche führen.

 

In Rom beobachtet man sehr genau, was in Deutschland gerade vorgeht, Papst Franziskus hat schon vor einigen Wochen einen Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland geschrieben, in dem er lobt und mahnt. Die einen verstehen den Brief als Unterstützung auf dem Synodalen Weg, die anderen als Warnung, sich auf diesem Weg zu verirren. Wie schätzen Sie das Papstvotum ein?

Bischof Hanke:
Im Papstvotum ist beides enthalten. Papst Franziskus ermuntert tatsächlich zu einer breiten partizipatorischen Basis. Er möchte nicht haben, dass hier Eliten etwas miteinander ausmachen, er möchte wirklich einen breiten Prozess, der aber ein geistlicher Prozess sein soll. Und dazu hat er ja ganz gute Impulse gegeben. Bei der Eröffnung der ukrainischen Bischofssynode hat er dann mit der Aussage nachgelegt, Meinungsumfragen zu machen und Beschlüsse zu fassen, habe nichts mit Synodalität zu tun.

Was im Papstbrief besonders zum Ausdruck kommt, ist die Sorge um die Einheit der Gesamtkirche und die müssen wir in Deutschland ernst nehmen. Wir sind ja nicht die einzige Ortskirche, die jetzt mit dem Missbrauch und seiner Aufarbeitung befasst ist. Zum Beispiel plant die katholische Kirche Australiens gerade einen solchen Prozess, der allerdings, wie ich höre, andere Akzente hat. Bei uns ist der Prozess sehr stark kirchenpolitisch apostrophiert, sprich, es sind Erwartungen da, die schon lange in den Schubladen liegen und jetzt wieder rausgezogen werden, etwa die Knackpunkt-Themen Priesterweihe der Frau, die Ämterzulassung überhaupt, die Umverteilung von Macht in der Kirche.

 

Hier muss man aufpassen, dass man nicht in eine Falle geht: Manche heftige Reaktion gegen die Macht in der Kirche lässt mich vermuten, dass die Macht, die einerseits bekämpft wird, andererseits selbst beansprucht wird. Hier braucht es den Geist der Unterscheidung. Das Wort „Spaltung“ ist in der Debatte sehr bald und immer häufiger gefallen. Da artikuliert sich ernstzunehmende Sorge – auch einiger Bischöfe – über irreführende „Sonderwege“, aber auch kompromissloser Widerstand bestimmter Gruppierungen.

Bischof Hanke:

Ich sehe schon auch die Gefahr, dass wir die Einheit aufs Spiel setzen könnten. Diese Einheit ist ein hohes Gut und es gilt, sie zu wahren. Ich vermisse in der bisherigen Diskussion und Analyse tiefergehende Ausführungen zu einem uns alle betreffenden und bedrohenden Phänomen, der Glaubenskrise. Man spricht so viel von der Krise der Kirche, das ist höchst amorph. Was ist denn diese Krise der Kirche? Ist das die Krise meiner Pfarrgemeinde, die Krise, die ich vielleicht mit meinem Bischof habe, ist es die Krise des öffentlichen Glaubwürdigkeitsverlustes – was ist die Krise dieser Kirche? Schauen wir aber auf die Krise des Glaubens, sind wir wieder beim Papst, der ja sagt, ein geistlicher Prozess muss zu einer vertiefenden Neuevangelisierung führen. Und ein geistlicher Prozess, der geistliche Haltungen des Glaubens erzeugt, der wirkt sich dann natürlich auch auf Formen des Miteinanders und Strukturen aus. Wenn man in die Reformgeschichte etwa der Orden schaut, dann sieht man ja ganz klar, dass die Struktur, zum Beispiel beim Zisterzienserorden, der Bewegung gefolgt ist. Man hat nicht umgekehrt begonnen. Und dass die Kirche sich immer wandelt, das ist doch unbestritten.

 

Im Vorfeld wurde unter anderem angemahnt, die Debatten im Beratungsprozess des Synodalen Wegs müssten sich auch mit dem Thema Neuevangelisierung und pastoral- spirituellen Perspektiven befassen. Sofort gab es Widerspruch. Wie sehen Sie das?

Bischof Hanke:

Natürlich hat Neuevangelisierung in diesem Prozess etwas zu suchen, es ist die Grundlage, sonst haben wir nur eine reine Strukturdebatte und basteln an einer neuen Kirche herum. Es müsste doch eigentlich so ablaufen, dass wir in einen geistlichen Prozess eintreten, der in eine Vertiefung der Christusbeziehung und der Beziehungen der Schwestern und Brüder untereinander mündet. Das würde neue Möglichkeiten eröffnen und diese neue Dynamik würde natürlich positive Auswirkungen haben. Es gibt eine gewisse Meinungsströmung, die sagt, jetzt wird das Thema Evangelisierung in den Synodalen Prozess eingeführt, um die schwierigen Fragen zu Strukturen der Kirche einfach plattzumachen. Ich sage: Nein, Evangelisierung auf einem geistlichen Weg, der die Menschen verändert, erzeugt auch Dynamik und folglich eine Veränderung im Miteinander.
 

Ist am Ende überhaupt ein verbindliches, bindendes Ergebnis des Synodalen Wegs denkbar, das die deutsche katholische Kirche als Ganzes, also in Einheit, weiter voranbringt und zukunftsfähig macht?

Bischof Hanke:

Es wäre wichtig – und das hat uns der Papst ja mit auf den Weg gegeben –, das vom Heiligen Geist geführte Hören aufeinander einzuüben. Die Gefahr für diesen Prozess besteht in seiner Politisierung, einer Art der Verhandlung, ähnlich einem Kirchenparlament, wo einfach zu wenig Raum ist für die Frage „Was ist der Anruf Gottes an uns alle in diese Zeit hinein, an uns in Deutschland, in Communio mit der Weltkirche?“ Diese Fragen müssten Raum erhalten.

Es wird sich grundsätzlich nur etwas ändern, wenn wir in einen inneren geistlichen Prozess der Vertiefung des Glaubens hineinkommen. Allein Strukturen zu ändern, ist keine Lösung und wird uns nicht das Heil bringen. Manches wird wohl auch erst im Verlauf des Prozesses klärbar sein, und ich kann nur hoffen, dass dieser Weg uns nicht auseinanderdividiert, dass es ein Weg ist, der der Kirche neuen Schwung bringt.

Interview: Michael Heberling


Beitrag als PDF

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 42 vom 20. Oktober 2019

Kontakt / Abo

Kirchenzeitung für das Bistum Eichstätt
Verlag und Redaktion
Sollnau 2, 85072 Eichstätt
Tel. (08421) 50-810
Fax (08421) 50-820
verlag(at)kirchenzeitung-eichstaett(dot)de
redaktion(at)kirchenzeitung-eichstaett(dot)de
anzeigen@kirchenzeitung-eichstaett.de



Bezugspreise (ab Jan. 2018): Durch die Agentur (Pfarramt) monatlich 7,50 € (6,35 € einschl. 7 % MWSt. + 1,15 € Zustellgebühr); durch die Post monatlich 8,25 €; Einzelnummer 1,80 €.