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07.07.2016

Gerstensaft und Gottesfurcht

Frommes auf Bierkrugdeckeln und ein Blick in die Sammlung des Eichstätter Zinngießers Eisenhart. An alle Biertrinker! Trinken Sie Ihr Bier aus Deckelgläsern“ – dieser ultimative Aufruf entstammt einem Flugblatt in altdeutscher Schrift, das Wilhelm (IV.) Anton Karl Eisenhart, Zinngießer in Eichstätt, gerne unters Volk bringt.

Foto: Michael Heberling

Neben den aufgeführten hygienischen Gründen, die die Benutzung eines Bierkrugdeckels durchaus angeraten erscheinen lassen, interessiert man sich in dem Traditionsbetrieb auch aus ästhetischen Gründen schon seit Generationen ganz besonders für Deckelgläser. Mit der Spezialisierung auf die zinnernen Deckel entstand über die Jahre eine der größten Deckelmedaillon-Sammlungen. Rund 700 dieser bemalten oder bedruckten Porzellanplättchen befinden sich im Besitz von Eisenhart, einige sind derzeit in der Ausstellung „Eingschenkt is!“ im Bauerngerätemuseum in Ingolstadt-Hundszell zu sehen.

Buntes Bildprogramm

Es gab Zeiten, in denen der Bierkrug eine höchst persönliche Angelegenheit war, er stand reserviert beim Wirt, trug zur besseren Erkennung zumindest die Initialen seines Besitzers, nicht selten aber war er auch noch beschriftet, wie Reservisten- oder Studentenkrüge, war bemalt, bedruckt oder mit aufgetragenen Reliefs verziert.

Die Krönung war der Deckel, in der Regel aus Zinn und „nackert“, vor allem im Biedermeier dann mitunter aufwändig verziert, was das Gelenk und die sogenannte Daumenrast angeht, besonders aber durch die aufgebrachten Porzellanmedaillons. Deren Bildprogramm lässt geradezu eine Kulturgeschichte der sogenannten guten, alten Zeit und ihrer gesellschaftlichen Strukturen erstehen.

Man erhält nicht nur Einblick ins ritualisierte Stammtischwesen, man erhält auch einen Überblick über das gängige Vereinsleben, ob nun von Turnern, Bergsteigern oder Schützen oder über militärische Gepflogenheiten. Vor allem zum Thema Jagd gibt es jede Menge – unter der Rubrik Jagdspott auch Kurioses – zu erfahren.

Neben Erinnerungsmedaillons zu festlichen Anlässen, finden Motive aus der Landwirtschaft, aus verschiedenen Berufen, Tiere, Blumen, berühmte Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, Sprichwörter und Wortspiele oder erotische Motive ihren Platz ganz oben auf dem Bierkrug.

Verwundert es also, dass auch religiöse Motive nicht ausgenommen wurden? Der oft in Klöstern gebraute Gerstensaft war ja sozusagen als „Fastenspeise“ anerkannt, zumindest als stärkendes, wenn nicht gar heilendes Nahrungsmittel. An den Stammtischen saßen selbstverständlich auch Geistliche und manchmal, so hat N. Eisenhart festgestellt, wurden sogar Bierkrüge als Erinnerung an Primizianten verschenkt. Die Motive wählte man ohne Berührungsangst und frei von Sorge, irgendjemandes religiöses Empfinden zu verletzen: Jesus (auch dornengekrönt und kreuztragend), Maria oder/und Josef mit Kind, Heilige Familien und Krippenszenen oder andere biblischen Motive, Engel, Heilige, christliche Symbole und Zeichen.

Michael Heberling,Kirchenzeitung Nr. 28 vom 10. Juli 2016

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Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 42 vom 20. Oktober 2019

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