Zum Inhalt springen
22.07.2020

Lerngemeinschaften am Limit. Die diözesanen Schulen blicken mit gemischten Gefühlen auf die kommenden Monate.

Jetzt sind erst einmal Ferien. Ein außergewöhnlich forderndes Corona-Schuljahr geht zu Ende. „Die Leute sind erschöpft“, sagt Prof. Dr. Barbara Staudigl frei heraus, „und zwar alle: Schüler, Lehrer, Familien.“ Die Leiterin der Schulabteilung des Bistums hat das Wohl und Wehe der sechs staatlich anerkannten diözesanen Schulen im Blick – dieser richtet sich bang auf den 8. September, wenn das nächste Schuljahr beginnt.

Schülerinnen und Lehrkräfte der Ingolstädter Gnadenthal-Mädchenrealschule beim Homeschooling in der Coronazeit.

Lächeln von zu Hause: Schülerinnen und Lehrkräfte der Ingolstädter Gnadenthal-Mädchenrealschule beim Homeschooling in der Coronazeit. Die Situation an den diözesanen Schulen ist allerdings etwas ernster als so mancher Gesichtsausdruck.     Fotos/Collage: pr

Aus Sicht von Staudigl kann es nicht so weitergehen. „Wir erschöpfen zwei Systeme, das familiäre System und das Bildungssystem“, sagt die Pädagogin und Theologin. Die Familien seien „exorbitant belastet worden“. Und für die Lehrer sei die Aufteilung in Präsenz- und „Distanzuntericht“, wie es neuerdings heißt, fast nicht zu leisten. Einige Lehrkräfte würden doppelt belastet, vor allem in den Fächern Englisch und Mathematik, andere hätten Leerlauf.

„Das ist extrem schwer aufzufangen und führt zu Unmut“, so Staudigl. Auch die Schulleitungen seien inzwischen „am Limit“, ständig müssten neue Stunden- und Aufsichtspläne erstellt werden, die „Vielzahl der kultusministeriellen Schreiben“ sei gerade im März und April fast nicht mehr zu stemmen gewesen. Abschlussprüfungen mit ganz wenig Korrekturzeit hätten zudem alle an den Rand der Erschöpfung gebracht.

 

„Von jetzt auf gleich“

Von einer „großen Herausforderung“ spricht diplomatisch Camilla Hering, Leiterin der Gnadenthal-Mädchenrealschule in Ingolstadt. Auch dort mussten Schüler und Lehrer nach dem Lockdown im März „von jetzt auf gleich“ auf Unterricht zu Hause umstellen. Zwar gab es Anlaufschwierigkeiten, aber insgesamt habe es „gut funktioniert“, so Hering. Vor allem die 10. Klassen, ihren Abschluss vor Augen, hätten sich „große Sorgen gemacht, wie es weitergeht“. Sie waren es dann auch, die Ende April als erste wieder in die Schule zurückkehren durften. Die anderen folgten später. Zum Hygienekonzept gab es bald jeden Tag eine neue Vorgabe, „die flexibel und spontan umgesetzt werden musste“, sagt die Leiterin.

Lösbar war schließlich auch das Raumproblem: Durch die Halbierung der Klassen musste man plötzlich 32 unterbringen und nicht 27 wie im Normalbetrieb. Auch der gestaffelte Unterricht bereitete in Ingolstadt weniger Probleme als auf dem Land, wo man auf die Schulbuslinien angewiesen ist. Den Zusammenhalt in der Schule sieht Hering gestärkt: „Man musste sich mehr austauschen, Schüler wie Lehrer, sich gegenseitig stärker unterstützen. Das war gut für die Gemeinschaft.“

Eine besondere Situation ergab sich für die Studierenden an der Maria-Ward-Fachakademie für Sozialpädagogik in Eichstätt, die ebenfalls in diözesaner Trägerschaft ist. Viele durften für ihr Berufspraktikum nicht mehr in die Einrichtungen, da Kitas oder Horte geschlossen waren. Die praktischen Abschlussprüfungen mussten dann „unter seltsamen Bedingungen“ ablaufen, wie Leiterin Ulrike Rhein schildert. Man habe sich die Kinder dazudenken müssen. Jüngst sind an der Akademie 42 Erzieher und 52 Kinderpfleger verabschiedet worden.

 

„Aus dem Rhythmus“

Die Lehrkräfte stehen auch an der berufsbildenden Schule durch Präsenz- und Heimunterricht in Doppelbelastung. Und vielen Studierenden fehle die Regelmäßigkeit, beobachtet Rhein, sie seien aus dem Rhythmus. Manche aber sagten, sie wünschten sich auf Dauer kleinere Klassen und Arbeits-gruppen wie zur Corona-Zeit. Wie es weitergeht, kann Rhein derzeit noch nicht sagen: „Wir sind aufgefordert, mehrere Szenarien im Blick zu haben.“ Sie blickt mit „deutlich gemischten Gefühlen“ auf das nächste Schuljahr. Nach der Urlaubssaison wisse man noch gar nicht, „was uns da erwartet“.

Die Akademiechefin spricht hier von der Unvernunft einzelner, Covid-19 betreffend. Barbara Staudigl wiederum beantwortet die Frage, ob man ein gewisses gesundheitliches Risiko eingehen müsste, um Familien und Schulen zu stabilisieren: „Ich maße mir kein medizinisches Urteil an. Aber ich bin erschrocken, wie schnell wir Bildung als Wert aufgegeben und den Familien zugemutet haben, damit allein fertig zu werden.“ Die Ordinariatsrätin spricht von der Schule als einem Lebensraum: „Wir nehmen den jungen Menschen Lebensraum, Rhythmus, ein Stück Heimat, ohne die Konsequenzen zu berücksichtigen.“ Sie habe die Sorge, fügt Staudigl hinzu, „dass wir eine ‚lost generation‘ produzieren.“

Bernd Buchner

 


Beitrag als PDF

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 31 vom 2.8.2020

Kontakt / Abo

Kirchenzeitung für das Bistum Eichstätt
Verlag und Redaktion
Sollnau 2, 85072 Eichstätt
Tel. (08421) 50-810
Fax (08421) 50-820
verlag(at)kirchenzeitung-eichstaett(dot)de
redaktion(at)kirchenzeitung-eichstaett(dot)de
anzeigen(at)kirchenzeitung-eichstaett(dot)de

Bezugspreise (ab Jan. 2020):
Durch die Agentur (Pfarramt) monatlich 8,30 €
(7,15 € einschl. 7 % MWSt. + 1,15 € Zustellgebühr);
durch die Post monatlich 9,05 €;
Einzelnummer 2,10 €.