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10.06.2016

„Man muss immer wieder nachhaken“

Pfarrgemeinderatsvorsitzende Angelika Feisthammel kämpft couragiert für mehr Barrierefreiheit. Die Pfarrkirche St. Elisabeth in Postbauer-Heng ist mit ihren 40 Jahren noch recht jung für ein Gotteshaus. Manchem erscheint ihre Architektur bis heute zu futuristisch. Andere haben sie längst lieben gelernt. Zu letzteren zählt Angelika Feisthammel.

Angelika Feisthammel. Foto: Gess

Angelika Feisthammels Lieblingsplatz in der Pfarrkirche St. Elisabeth in Postbauer-Heng: Im Mittelgang neben der letzten Bankreihe hat sie von ihrem Elektro-Rollstuhl aus alles gut im Blick. Foto: Gess

Nicht zuletzt deshalb, „weil ich von alleine reinkomme“, lacht die 53-Jährige, während sie ihren Elektrorollstuhl über die breite Schwelle lenkt und auf den Weihwasserkessel zufährt. Dass sie freie Bahn hat, ist auch ihr eigenes Verdienst. Seit Jahren setzt sich die Mutter von zwei erwachsenen Kindern für Barrierefreiheit in kirchlichen und anderen öffentlichen Gebäuden ein – als Pfarrgemeinderatsvorsitzende, als Behindertenbeauftragte des Landkreises Neumarkt und nicht zuletzt im Sachausschuss Behindertenpastoral  des Diözesanrats (siehe Kasten).

„Das Mädl ist fit“

Inklusion und Teilhabe von Menschen mit Behinderung – das war noch kein gesellschaftlich relevantes Thema, als Feisthammel 1962 in Nürnberg das Licht der Welt erblickte. Eine Geburt, bei der das Kind vorübergehend zu wenig Sauerstoff bekam. Viele der Zellen,  die im Gehirn den Bewegungsapparat steuern, „haben sich dabei verabschiedet“, formuliert Feisthammel flapsig. Die Folge waren spastische Lähmungen, die ihr das Laufen erschwerten – zumal sie mit einer beidseitigen Hüftluxation zur Welt gekommen war. Manche Eltern behinderter Kinder mieden in den 60er-Jahren die Öffentlichkeit. Nicht so die Feisthammels. „Die waren stur“, lacht die Tochter, „sie haben mich überall mit hingenommen“. Das galt auch für den Gottesdienst, den sie regelmäßig besuchten. Die ersten zwei Schuljahre  verbrachte das Kind auf einer  Schule für Körper- und Mehrfachbehinderte. Dann durfte Angelika endlich auf die reguläre Grundschule wechseln, was sie der Fürsprache der Schulsekretärin verdankte. Die war eine alte Freundin ihrer Mutter und bescheinigte der skeptischen Schulleitung: „Ich kenn’ das Mädl, die ist fit!“. Im Kreise ihrer Klassenkameraden ging sie zur Erstkommunion. Der Rollstuhl ist bereits mit auf dem Gruppenbild zu sehen, auch „wenn ich damals noch ein bisschen laufen konnte“.

„Nicht müde geworden“

Keine Treppenstufen, die das couragierte Mädchen auf Krücken damals nicht überwunden hätte. „Wenn ich Hilfe brauchte, hab’ ich jemanden angequatscht – das war nie ein Thema.“ Ganz normal war sie mit ihrer Clique unterwegs, „den Rolli haben wir sogar in einen VW  Käfer gequetscht“, erinnert sie sich. Auch ihren eigenen Führerschein erwarb sie problemlos. Nach der Mittleren Reife auf der Nürnberger Maria Ward-Realschule wurde sie Beamtin im Fernmeldedienst, heiratete, bekam einen Sohn und eine Tochter. Oberferrieden, eine Filiale der Pfarrei Postbauer-Heng, wurde ihre neue Heimat.

Als sie die Leitung einer Erstkommunion-Vorbereitungsgruppe übernahm, warb sie der damalige Pfarrer von Postbauer-Heng, Alfred Hausner, für den Pfarrgemeinderat an. Mittlerweile absolviert sie ihre fünfte Amtszeit, die zweite davon als Vorsitzende. Auf den Weg zu den Sitzungen leistet ihr seit ein paar Jahren eine großzügige Rollstuhl-Rampe gute Dienste. Eine Rampe hatte es auch zuvor schon gegeben, aber sie war direkt an die Treppenstufen angepasst und sehr steil. „Wenn ich den Schiebe-Rolli dabei hatte, mussten sie zu dritt mit anpacken. Auch im Winter war es manchmal schier nicht möglich hinaufzukommen.“ Den Wunsch nach einem besseren Zugang für Gehbehinderte, „den hab’ ich mindestens einmal jährlich bei der Kirchenverwaltung vorgebracht“, meint sie, „ich bin da nicht müde geworden“. Ebenso wenig versäumte sie es aber, nach vollzogener Baumaßnahme den Verantwortlichen zu versichern, „dass ich unheimlich stolz und dankbar bin“.

Jeder nutzt die Rampe

Längst hat sich gezeigt, wie nötig die Rampe ist, die vom Parkplatz zum Kirchvorplatz hinauf führt:  Senioren mit Rollatoren nutzen sie ebenso wie die jungen Mütter, die mit Kinderwägen in die Gruppenstunde kommen. Dasselbe gilt für die behindertengerechte Toilette, die im Zuge von Sanierungsmaßnahmen im Pfarrheim eingebaut worden ist. Pfarrer Markus Fiedler freut sich über die Hartnäckigkeit seiner Pfarrgemeinderatsvorsitzenden. „Ohne ihre Initiative wäre das Behinderten-WC nie entstanden“, meint er und unterstützt auch  Feisthammels aktuellen Vorschlag, den Einbau einer Induktionsschleife für Hörgeschädigte. „Jeden Sonntag höre ich im Gottesdienst die pfeifenden Hörgeräte“, meint Fiedler und ergänzt: „In einer älter werdenden Gemeinde muss man sensibel sein.“ Einmal im Jahr steht in Postbauer-Heng ein Sonntagsgottesdienst thematisch im Zeichen der Inklusion und es gibt einen ökumenischen Arbeitskreis „Behinderte und Nichtbehinderte“. Wobei Fiedler dieser Titel nicht gefällt, „denn jeder von uns hat doch seinen Schaden“.

Angelika Feisthammel setzt sich nicht nur in der Pfarrei für Barrierefreiheit ein. Als Behindertenbeauftragte des Landkreises Neumarkt wird sie zum Beispiel bei anstehenden Baumaßnahmen zu Rate gezogen und hält einmal im Monat eine Sprechstunde für Menschen mit Handicap. Aus ihrer langjährigen Arbeit weiß sie, der Kampf für Barrierefreiheit braucht Beharrlichkeit: „Man muss immer wieder nachhaken, dann passiert etwas.“   

Gabi Gess, Kirchenzeitung Nr. 24 vom 12. Juni 2016

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Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 42 vom 20. Oktober 2019

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