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10.03.2017

„Manifeste der Erlösungserwartung“

Seit dem Aschermittwoch der Künstler ist im Eichstätter Dom ein besonderer Kreuzweg zu sehen. Der traditionelle Aschermittwoch der Künstler und Publizisten, zu dem Bischof Gregor Maria Hanke seit 2009 regelmäßig einlädt, entfaltet heuer nachhaltige Wirkung: Ein Kreuzweg, der bei der Begegnung erstmals gezeigt wurde, lädt noch die ganze Fastenzeit über im Eichstätter Dom zur Betrachtung ein.

Das Aschenkreuz zeichneten Bischof und Generalvikar den Gottesdienstbesuchern im Eichstätter Dom auf die Stirn. Foto: Gess

Das Besondere daran: Die 14 Stationen entstammen 14 verschiedenen Kreuzwegdarstellungen im Bistum Eichstätt, die 14 Künstlerinnen und Künstler seit Mitte des 20. Jahrhunderts geschaffen haben. Dr. Claudia Grund, Kunsthistorikerin im Diözesanbauamt, hatte die Auswahl getroffen und die entsprechenden Kontakte geknüpft. Eingebunden in das Projekt waren auch das Generalvikariat und das Diözesanbildungswerk.

Muss man Qual zeigen?

Die Ausstellung „berührt und fasziniert mich“, lobte Gastredner Dr. Jakob Johannes Koch vom Referat Kunst, Kultur und Erwachsenenbildung bei der Deutschen Bischofskonferenz (siehe Beitrag unten). Nicht sprechend, sondern singend hatte er zuvor im Eichstätter Dom seinen Vortrag vor den Kunst- und Kulturschaffenden aus der ganzen Diözese begonnen. Mit raumfüllender Baritonstimme trug er die letzte Strophe des Chorals „O Haupt voll Blut und Wunden“ vor. In den Worten „Lass mich sehn dein Bilde in deiner Kreuzesnot. Da will ich nach dir blicken, dich fest an mein Herz drücken“ komme zum Ausdruck, dass der Glaube nicht nur vom Hören, sondern auch vom Sehen komme. Deshalb lud Koch die Zuhörer ein, ihre Blicke im Dom schweifen zu lassen und neben Bildern, „die dem freudigen Gotteslob gewidmet sind“ auch die Bilder des Schmerzes, des Leidens wahrzunehmen. Am Kreuzweg „scheiden sich die Geister“, meinte der Referent. „Warum widmen sich die Künste bis heute derart intensiv der Kreuzigung Christi und seinem qualvollen Weg dorthin mit all seinem Schrecken und Schmerz? Genügt nicht das abstrakte Katechismus-Wissen, dass Christus uns vor 2.000 Jahren am Kreuz erlöst hat?“ Ein durchaus verständliches Argument, fand Koch. Und dennoch sei der Schmerz untrennbar mit der menschlichen Natur Jesu verbunden. Gott sei in Jesus wahrer Mensch geworden „als ganz real schmerzfähiger Mensch aus Fleisch und Blut“. Aber der Tod habe eben nicht das letzte Wort gehabt. Deshalb bedeute Kreuzverehrung nicht, Leidensverehrung zu zelebrieren. „Es gibt keine Pflicht des Menschen zum Leid“, stellte Koch fest und nahm anschließend konkret die Kreuzweg-Ausstellung im Dom in den Blick: Die 14 Stationen seien im Original an ganz unterschiedlichen Orten der Diözese zu betrachten, „vom Priesterseminar bis zur Dorfkirche, vom Bildstock bis zur Wegkapelle“. Sie seien „14 individuelle Manifeste der Erlösungserwartung“. Verschiedene Stile und Techniken stünden „spannungsvoll und doch innerlich verbunden nebeneinander“.

Anhand der Kunstgeschichte des Kreuzwegs lasse sich ablesen, dass Kunstfreiheit in der katholischen Kirche „keine Sonntagsrede, kein bloßes Lippenbekenntnis“ sei. Seit seinem Aufkommen im 17. Jahrhundert habe der Kreuzweg vom ländlichen Amateur-Bildhauer bis zum Malergenie unzählige Interpretationen gefunden „und keinem von ihnen wurde der Zugang zum Gotteshaus verwehrt“.

Geheimnisvolle Spannung

Die meisten der Künstler, deren Werke zur Ausstellung gehören, sind noch am Leben. Einige waren am Aschermittwoch in den Eichstätter Dom gekommen, wo ihnen der Gastreferent Dank und Respekt zollte, denn „in Ihren Werken öffnen sie den Karfreitag für den Karsamstag“. Im Buch des Propheten Jesaja sei von einem Wächter zu lesen, der verkündet: „Der Morgen ist gekommen und doch ist es Nacht.“ Diese „Karsamstagsexistenz“ komme auch im Kreuzweg zum Ausdruck: „Jesus Christus ist auferstanden und doch leben wir noch im Karsamstag auf das Ziel des ewigen Ostern hin. Und auch in der Eichstätter Kreuzweg-Ausstellung spüre ich hier und heute diese geheimnisvolle Spannung.“ Mit Blick auf den derzeit viel strapazierten Begriff „abendländisches Kulturerbe“ meinte Koch: Im Kreuzweg „haben wir ein Erbe, das auf einzigartige Weise Kultus und Kultur, Tradition und Weiterentwicklung, den nahen Osten und das Abendland miteinander verbindet“. Schon im vierten Jahrhundert seien die Heilig-Land-Pilger in Jerusalem die Stätten des Leidens und Sterbens Jesu nachgegangen. „Das war aber damals ein Privileg nur für die Reichen, denn der Normalbürger hatte kein Geld und keine Zeit für eine so lange Reise“. Außerdem habe es gar keine Rolle gespielt, denn „es gibt für die Kreuzwegsandacht keine bevorzugten Orte und es kommt auch nicht auf eine zu absolvierende Leistung an“. Wichtig sei allein die innere Haltung, befand Koch. Kreuzwege seien „Bild gewordene Gewissensspiegel“. Von Station zu Station „hält mir der leidende Christus den Spiegel vor“.

Nach der Ansprache zeichneten Hanke und Generalvikar Dompropst Isidor Vollnhals den Gottesdienstbesuchern das Aschenkreuz auf die Stirn. Anschließend wurden Fürbitten gelesen, unter anderem für den Mut, mit publizistischen und künstlerischen Mitteln Missstände aufzuzeigen. Besonders ins Gebet eingeschlossen wurden die beiden unlängst verstorbenen Bildhauer Fritz König und Alf Lechner.

Im Anschluss an die Feier im Dom bestand im Marquardussaal des Seelsorgeamts Gelegenheit zum Austausch. Im kommenden Jahr „werden wir mit dem Aschermittwoch der Künstler wieder rausgehen in die Diözese“, kündigte Hauptorganisatorin Grund im Gespräch mit der KiZ an. „Und es gibt schon eine Anfrage für nächstes Jahr, den Kreuzweg zu zeigen“.

Gabi Gess, Kirchenzeitung Nr. 11 vom 12.3.2017

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