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16.02.2018

Mit Teamgeist aus dem Tief heraus

Pfarrgemeinderatswahl – und keine Kandidaten! Wie Gemeinden aus der Not eine Tugend machten

 

Jamaika, Groko, nächtelange Sondierungsgespräche – über Monate haben sich die Koalitionsverhandlungen in Berlin hingezogen. Wie schwierig die Suche nach Verantwortungsträgern ist, zeigt sich aber nicht nur in der Politik. Auch Pfarrgemeinden haben mitunter Mühe, genügend Kandidaten für die Besetzung der kirchlichen Gremien zu finden. So lagen die Dinge zum Beispiel bei den letzten Pfarrgemeinderatswahlen vor vier Jahren in Nassenfels und Schernfeld. Wie aber dann aus Stillstand wieder neuer Schwung erwuchs, der bis heute anhält, hat die KiZ von den Ehrenamtlichen erfahren.

BU: Gut lachen hat Schernfelds Pfarrgemeinderatsvorsitzender Eduard Breitenhuber (l.): Das Team, hier ein Teil davon, bleibt am Ball. Foto: Gess

Keiner will Erster sein

Diesmal kann Josef Böhm, Wahlausschussvorsitzender im Pfarrgemeinderat Schernfeld, der Pfarrgemeinderatswahl ganz entspannt entgegensehen. 2014 hingegen war eine Entwicklung eingetreten, die Böhm als „Domino-Effekt“ beschreibt: Einer nach dem anderen der Räte, seinerzeit sechs Leute, entschloss sich, auf eine erneute Kandidatur zu verzichten, überwiegend aus beruflichen Gründen. Böhm, der letzte Mohikaner, sprach viele Leute an, um sie für den Pfarrgemeinderat zu gewinnen. „Aber eine der ersten Fragen war stets ‚Wie viele haben denn schon zugesagt?‘, und keiner wollte der erste sein.“ Allenthalben die vage Hoffnung: „Die finden schon wieder jemand.“

Denn eigentlich „haben wir ja sehr viele, die in irgendeiner Art und Weise etwas zum Pfarreileben beitragen“, überlegt Josef Gegg, derzeit fester Vertreter der Kirchenverwaltung im Pfarrgemeinderat. So wurden bei der Wahl 2014, die mangels Kandidatenliste als Persönlichkeitswahl mit blanken weißen Zetteln vollzogen wurde, gleich 70 potentielle Räte vorgeschlagen. Die 25 meistgenannten wurden zu einem Treffen eingeladen „und aus diesem Kreis blieben am Ende noch 13 übrig, die sagten: ‚Wir wollen das Pfarreileben aufrechterhalten‘“, erzählt Eduard Breitenhuber, der heutige Vorsitzende. Er engagiert sich seit Jahren als Kommunionhelfer und Lektor in Schernfeld.

Persönlichkeitswahl

Kommunionhelferin ist auch Christine Halbmeyer, die den kompletten Neustart des Pfarrgemeinderats im Nachhinein als Chance sieht. Ein frisches Team ohne festgefahrene Hierarchien, „das war ein gutes Gefühl“. Sie sei angetreten mit dem festen Willen, sich mit ihren Möglichkeiten ins  Gremium einzubringen, aber auch mit der Einstellung: „Es muss nicht alles auf Anhieb klappen. Und mehr als schiefgehen kann es nicht.“ Inzwischen bereitet sie  zum Beispiel mit den Kolleginnen und Kollegen aus dem Pfarrverband Veranstaltungen für die Ehejubilare vor, die gut ankommen. Außerdem engagiert sie sich in der Seniorenarbeit. 

Dies ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine neue Mannschaft frischen Wind ins Pfarreileben bringen kann. Weil der ursprüngliche Seniorennachmittag nach klassischem Muster „nicht mehr so gezogen“ habe, gebe es jetzt ein neues Konzept, berichtet Breitenhuber. Unter dem Motto „Kumma zam“ werden alle vier bis sechs Wochen Treffen mit Vorträgen und viel Musik angeboten. Liedzettel werden gedruckt mit Melodien, die die Senioren immer wieder gern anstimmen. Peter Haberkern begleitet sie auf seiner Steirischen Harmonika. Der KfZ-Meister ist als einziges Mitglied des derzeitigen Pfarrgemeinderats schon im Ruhestand. 24 Jahre hatte er bereits der Kirchenverwaltung angehört, als ihm der Sitz im Pfarrgemeinderat angetragen wurde. „Ich hatte eigentlich gedacht, das reicht jetzt mit dem Ehrenamt“, lacht er, „aber nachdem Notstand herrschte, hab’ ich halt geholfen“.

Haberkern engagierte sich bereits zu einer Zeit, als Schernfeld noch einen eigenen Pfarrer hatte. Voreinigen Jahren ging diese Ära zu Ende, und das habe seinerzeit wohl auch ein wenig zur Flaute bei den Pfarrgemeinderatswahlen beigetragen, vermutet er. Heute meint Eduard Breitenhuber dazu: „Wir schätzen es, wenn wir zumindest für Gottesdienste Seelsorger vor Ort haben, diesen Fixpunkt halten wir für sehr wichtig. Ob er jetzt  bei jeder Pfarrgemeinderatssitzung dabei ist, ist nicht entscheidend. Er kann ja nicht überall sein, das akzeptieren wir.“

Eine positive Entwicklung sieht Breitenhuber in der Bereitschaft der Pfarreimitglieder, sich zumindest vorübergehend zu engagieren, „das war vor 15 Jahren noch nicht so“, stellt er fest und lobt die Schernfelder Jugend ebenso wie Haberkerns mobile Seniorenreserve, die jederzeit bei anfallenden Arbeiten einspringe.

Für eine Pfarrei von der Größe Schernfelds sieht die Satzung der Diözese Eichstätt fünf Pfarrgemeinderäte vor. Bei den Wahlen in  einer Woche stellen sich aber allein aus dem Kreis der „Nothelfer“ von 2014 acht zur Wiederwahl. Weitere fünf Bewerber hat Breitenhuber gefunden, diesmal problemlos. Mit dieser Zahl ließe sich leicht eine Wahlliste zum Ankreuzen erstellen. Aber die Schernfelder führen auch 2018, ganz ohne Not, eine Persönlichkeitswahl durch. „Wir wollen keinen rauswählen,  der gerne mitmachen möchte“, meint Breitenhuber. Denn ein zweites Mal sei mit dieser Bereitschaft nicht zu rechnen. Außerdem sei mit mehr Leuten auch ein entspannteres, weil auf viele Schultern verteiltes Arbeiten möglich. 

Über allem sind die Treffen des Pfarrgemeinderats für die Mitglieder keine lästige Pflicht. Hans Gegg jedenfalls nimmt in dem Bewusstsein teil, „dass das eine ganz wertvolle Gesellschaft ist, die ich da hab’. Denn da kommen Leute her, weil sie ihre Pfarrei gut mitgestalten möchten“.

Auch in der Pfarrei Nassenfels fanden sich vor vier Jahren zum Stichtag nicht genügend Kandidaten für eine Listenwahl. Verabschiedeten sich doch die damaligen Mitglieder allesamt aus ihren Ämtern. Aber durch aktives Nachfragen gelang es doch noch, eine Mannschaft anzuheuern, die sich längst als Glücksgriff entpuppt hat.

Offene Türen eingerannt

Zu den Räten, die damals ihr Amt aufgaben, gehörte Helmut Schweiger. „Wir waren einfach die Abendveranstaltungen zuviel“, nennt der Gastwirt einen persönlichen Grund. Umso mehr lobt er den Elan, mit dem der jetzige Pfarrgemeinderat ans Werk geht und mit dem er vor seinen Augen gerade im Wirtshaus-Saal den  Seniorenfasching ausrichtet. Die Tische sind liebevoll dekoriert, am Büfett locken zehn Kuchen und Torten, Musikanten und Jugendgarde treten auf, später wird noch Brotzeit serviert. Das Helferteam wirkt wie eine fröhliche Clique. „Wir kannten uns früher nur vom Sehen, aber mittlerweile haben sich Freundschaften entwickelt“, erzählt Vorsitzender Josef Prüller. Die meisten sind zwischen 30 und 40 Jahre jung.

Da ist zum Beispiel Erhard Muhr, der sich früher aktiv in der Vorstandschaft des Burschen- und Sportvereins engagiert hat. Er ist aber auch regelmäßiger Kirchgänger und sagte spontan zu, als  er auf die Mitarbeit im Pfarrgemeinderat angesprochen wurde. Auch Bankkaufmann Prüller, der damals bereits im Hospizverein  Ingolstadt aktiv war, überlegte nicht lang: „Es war die Zeit, wo ich mich sowieso nach einem weiteren Ehrenamt umgeschaut habe.“ Auch Martina Thurner, die schon als Kind Ministrantin und Lektorin  war, wollte sich gern weiter in der Kirche engagieren. Bei einer Listenwahl hätte sie als Zugezogene wohl keine Chance gehabt, meint die medizinisch-technische Assistentin. So aber wussten alle zwölf, die damals antraten, dass sie dabei sein werden.

Zwei sind zwischenzeitlich weggezogen, von den zehn verbliebenen Räten sind sieben zu einer weiteren Amtszeit bereit. Mit den neun neuen Aspiranten wird der nächste Pfarrgemeinderat 16 Mitglieder zählen. Denn auch die Nassenfelser haben sich erneut für eine Persönlichkeitswahl entschieden. Je mehr Aktive, desto besser lasse sich die Arbeit aufteilen und mit beruflichen und familiären Pflichten in Einklang bringen, meint Prüller. Zu tun gibt es allerhand: Kirchweih- und Weihnachtsmarkt organisieren, Geburtstags- und Krankenbesuche in der Pfarrei, Spenden sammeln für Pfarrheim- oder Orgelsanierung. Ein wichtiges Anliegen sei aber auch die Mitgestaltung von Liturgie, meint Prüller. So habe der Pfarrgemeinderat etwa einen Kreuzweg mit neuen Elementen und moderner Musik eingeführt. Am Abend vor der Pfarrgemeinderatswahl steht in Nassenfels eine Wahlparty auf dem Programm. Und nach der konstituierenden Sitzung im März geht es mit dem Fastenessen nahtlos weiter.

 

Gabi Gess, Kirchenzeitung Nr. 7 vom 18. Februar 2018

 

Beitrag als pdf

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 24 vom 17.06.2018

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