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31.05.2019

Noch erträglich oder schon zu nah? Schutz vor sexuellem Missbrauch: Pfarrverband im Nürnberger Südwesten schult Mitarbeiter

Bereits seit fünf Jahren gibt es im Pfarrverband Nürnberg Südwest/Stein ein Präventionskonzept zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexuellem Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen. Die dort tätigen Mitarbeiter nahmen an Schulungen teil. Zu einer erneuten Fortbildung kamen nun 52 Kirchenangestellte nach St. Walburga in Nürnberg-Eibach.

Foto: Pilz-Dertwinkel

Gemeindereferentin Irene Keil, die in der Nürnberger Pfarrei St. Walburga auch Präventionsbeauftragte ist, erläutert den Teilnehmern die unterschiedlichen Formen möglichen Fehlverhaltens. Foto: Pilz-Dertwinkel

Kultur der Achtsamkeit

„Als Kirche sehen wir uns in der Pflicht, uns gegen jede Form von Grenzverletzung, Übergriffen, pädagogischem Fehlverhalten und sexualisierter Gewalt besonders gegenüber Kindern, Jugendlichen und Schutzbefohlenen zu wenden“, betont Pfarrer Michael Alberter. Es gelte, gemeinsam für eine Kultur der Achtsamkeit, des Hinhörens und der Wertschätzung einzustehen. Diese Haltung müsse in allen Bereichen des Pfarrverbands in der Begegnung mit ehren- wie hauptamtlichen Mitarbeitern erlebbar sein, sagte der Geistliche.

Die Präventionsbeauftragten für den Pfarrverband sind Gemeindereferentin Irene Keil von St. Walburga und Gemeindereferent Matthias Bögl von St. Albertus Magnus (Stein). In der Psychotherapeutin Dr. Birgit Schellberg, Birgit Frauenreuther und dem Ärzteehepaar Elvine Eipert-Lambert und Marcus Lambert gibt es zusätzliche Ansprechpartner, die nicht im kirchlichen Dienst stehen.

Die Veranstaltung zeige, dass Kirche das Thema Prävention ernstnehme und handele, sagt Keil. Sie präzisiert, was unter Grenzverletzung oder sexuellem Übergriff zu verstehen ist und wann eine strafbare Handlung vorliegt. Anhand eines Plakats analysiert die Gemeindereferentin kritische Situationen und Handlungsweisen mit den Anwesenden. Diese nehmen ihr jeweiliges Arbeitsfeld unter die Lupe. Sie tauschen sich aus über Besonderheiten in Jugendgruppe, Zeltlager, Firmvorbereitung, Ministrantenarbeit, Sternsingerbetreuung, Bücherei. Sie überlegen, wo sie Kinder und Jugendliche treffen, wie es bezüglich Altersgefälle oder Gesprächskultur aussieht, ob es übergriffiges Verhalten gibt. Sie diskutieren, wo man dranbleiben und was sich ändern muss, wo man Unterstützung braucht.

Es gehe um genaues Hinschauen, um das Erspüren kritischer Momente, betont Keil. Jugendleiter und Firmvorbereiter berichten von Problemsituationen. Wie geht man richtig vor – wenn etwa beim Badebesuch das Umkleiden ansteht, im Zeltlager Zecken entfernt werden müssen oder beim Firmwochenende die Teilnahme an einem Spiel verweigert wird? Es wird empfohlen, sensibel zu sein, nicht alleine zu agieren. Solche Situationen sind oft nicht einfach, bestätigt Schellberg. Je intensiver die Grenzverletzung, desto schwerer die Hürden. Wichtig sei immer, eine Vertrauensperson zu finden.

Bögl zeigt Verhaltensregeln und Beschwerdewege auf, empfiehlt aber, das Konzept der jeweiligen Situation anzupassen, sich mit allen Beteiligten über die Regeln auszutauschen und einen Konsens zu finden. Hilfreich könne das Ampelkonzept sein – rot steht dabei für „zu nahe kommen“, gelb für „gerade noch erträglich“, grün für „in Ordnung“. Geschlechtertrennung beim Übernachten oder Umkleiden sei ein Muss, Körper-
kontakt grundsätzlich problematisch. Doch auch sämtliche Maßnahmen könnten nicht alles verhindern, gibt er zu bedenken.

Deshalb wurde ein Notfallplan ausgearbeitet, der an die Teilnehmer verteilt wird. Das Motto lautet „Zuhören – Dokumentieren – Telefonieren“. An erster Stelle steht der Schutz des Opfers. Balance zwischen Diskretion und Handeln ist gefragt. Einbeziehung der Ansprechpartner sowie der Fachkräfte, die unter der diözesanen Hotline erreichbar sind (Tel. 08421/50500), wird empfohlen. Eine Absage gibt es für jegliche Eigenmächtigkeiten. „Das, was hier steht, gilt“, sagt dazu Pfarrer Alberter. Er verweist auf den derzeitigen Standard in der Präventionsarbeit. Man könne nur die Regeln vorstellen. Er appelliert, nichts Vertrauliches weiterzugeben, der Schutz der Betroffenen sei wichtig.

Zufriedene Gesichter

Am Ende der Veranstaltung zufriedene Gesichter. Die Teilnehmer sind dankbar für die Informationen. Nun gilt es auszuloten, wie die Erkenntnisse spezifisch umgesetzt werden können. Konflikte kämen immer vor, Lernerfahrung sei deshalb wichtig, meint Alberter. Kinder, Jugendliche und Schutzbefohlene müssten die Möglichkeit haben mitzuteilen, wo etwas für sie nicht stimme. Wenn sie das tun, wertet er das als Zeichen von Vertrauen: Weil sie damit zeigten, „dass sie uns zutrauen, damit umzugehen und etwas zu verändern“.

Ulrike Pilz-Dertwinkel/bb

 


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Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 37 vom 15. September 2019

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