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10.03.2021

„Oase“ mit einem gewissen Plus Religionsunterricht in Pandemie-Zeiten: Lehrer berichten über Chancen und Herausforderungen

Die Corona-Pandemie stellt den Religionsunterricht vor viele Herausforderungen, bietet aber auch kreative Möglichkeiten und Chancen. Die Kirchenzeitung hat nachgefragt bei Schülern und Religionslehrern.

Religionsunterricht in Pandemie-Zeiten: Lehrer berichten über Chancen und Herausforderungen

Mit Schere und Kleber: Für den Religionsunterricht der fünften Klasse bastelte Elisa aus Dollnstein eine Bibelszene. Foto: Graf

„Statt“-Phase

Wenn Manuel aus Landershofen bei Eichstätt derzeit sein Religionsbuch aufschlägt, ist nichts mehr wie vor über einem Jahr: Neben ihm sitzen keine Klassenkameraden, seine Lehrerin steht nicht im Klassenzimmer, sondern ihre Stimme schallt aus dem Computer. Wie viele bayerische Schüler ist auch der 13-Jährige, der die achte Klasse des Willibald-Gymnasiums in Eichstätt besucht, im Distanzunterricht. Die technische Ausstattung passt, er sitzt mit seinem Laptop in seinem Zimmer, dennoch vermisst er seine Mitschüler. Wie in allen Schulfächern müssen auch in Religion Unterrichtsinhalte aus der Ferne vermittelt werden. Doch auch schon vor dem Lockdown zwangen die vielfältigen Hygienemaßnahmen die Religionslehrer zum kreativen Umdenken. Eines ist schon jetzt klar: Die derzeitige Epoche wird als eine lange „Statt“-Phase in die Geschichte der schulischen Didaktik eingehen: Fern- statt Präsenzunterricht, Videokonferenz statt Klassengemeinschaft, Distanz statt Nähe, Einzel- statt Gruppenarbeit. Dabei war und ist gerade Religion ein Fach, das aus didaktischer Sicht und aufgrund seiner vielfältigen Methoden häufig auf das Miteinander abzielt – denn der Religionsunterricht lebt besonders von persönlichen Begegnungen und vom Diskutieren. 

Digitaler Morgenkreis

Dass sich viele Kinder und Jugendliche momentan Sorgen um die eigene Familie machen, hat Beate Trampert wahrnehmen müssen. Sie unterrichtet Religion an der diözesanen Maria Ward-Realschule in Rebdorf. Die aktuellen Fragen der Schüler kreisen dabei durchaus um die finanzielleSituation der Eltern, aber auch um die Frage, wie und ob man die Großeltern besuchen kann. „Oftmals hilft es schon, wenn man den Kindern und Jugendlichen das Gefühl gibt, dass man ihnen zuhört“, sagt Trampert, die an ihrer Schule auch für die Schulpastoral zuständig ist. Gemeinsam mit ihren Kollegen Sigrid Maget, Schwester Anna Jungbauer und Jonas Langer hat sie sich in den vergangenen Monaten viele Gedanken darüber gemacht, wie man den Schülern in dieser in jeglicher Hinsicht belastenden Ausnahmesituation helfen kann. „Ein Vorteil des Religionsunterrichts ist, dass hier seit jeher das ganze Leben zur Sprache kommt: Freude und Kummer, Lebendigkeit und Sterben“, erklärt Trampert. Man dürfe den Kinder ruhig sagen: „Ja, die Lage ist derzeit oft schwierig und erfordert viel Durchhaltevermögen. Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass 
Gott mit uns ist in dieser Zeit.“ An der Realschule war man in den vergangenen Monaten kreativ, wenn es darum ging, alternative Angebote im Unterricht einzubauen: Zum Weihnachtsgottesdienst traf sich nicht die gesamte Schulgemeinschaft, sondern jede einzelne Klasse für sich, außerdem finden digitale Morgenkreise statt, deren Ergebnisse in Videoform auf der Homepage präsentiert werden. Zudem gibt es täglich ein digitales Gebet, das helfen soll, den Tag zu strukturieren.

Vor ganz andere Herausforderungen sah sich Petra Rinnagl gestellt, die Religionsunterricht an der Grundschule in Mörnsheim und St. Walburg in Eichstätt erteilt. Im Rahmen eines schulischen Hygieneplans haben sich die beiden Schulen in Abstimmung mit dem Kultusministerium dazu entschlossen, die oft klassenübergreifenden Religions- und Ethikgruppen aufzulösen und damit im Klassenverband einen sogenannten konfessionssensiblen beziehungsweise religionssensiblen Unterricht zu erteilen. Das be-deutete, dass im Dezember in ihrem Unterricht plötzlich auch evangelische, muslimische und nichtgetaufte Kinder saßen. „Einerseits muss man bei dieser Konstellation sehr viel Rücksicht auf jeden Einzelnen nehmen, anderseits können die Schüler auch vom Wissen der anderen profitieren“, beschreibt Rinnagl diesen Spagat. So hat sie etwa das Thema Weihnachten behandelt. „Hier konnte jeder mitreden, dieses Fest gehört in Deutschland schließlich zu unserer Kultur“, sagt sie. 

Viele der Hausaufgaben, die sie verteilt, sind auf freiwilliger Basis. Auf „Padlet“, einer digitalen Plattform, hat sie ein virtuelles Klassenzimmer eingerichtet. Dort finden sich Übungen etwa zu den „Jüngern Jesu“, zum kirchlichen Jahreskreis, aber auch Gebete und von der Medienzentrale ausgesuchte Kurzfilme. Dabei handelt es sich zwar um einen neuen und andersartigen Unterricht, der aber auch motivierend wirkt. „Eine Mutter teilte mir mit, ihre Tochter mache die freiwilligen Aufgaben sehr gerne. Das tue ihr so gut“, berichtet Rinnagl erfreut. „Kinder brauchen neben den vielen Aufgaben auch etwas, das zu Herzen geht.“ Sie wolle nicht nur auf kognitiver Ebene Wissen vermitteln, sondern auch Atmosphäre schaffen. Einfach sei das freilich nicht: „Seit der Pandemie dürfen wir nicht mehr singen, nicht mehr im Kreis oder in Kleingruppen lernen, im Distanzunterricht fällt auch das gemeinsame Gebet weg“, bedauert die Lehrerin. Doch die Pandemie gebe auch Kräfte frei für kreative Ideen: So habe sie im vergangenen Schuljahr ein gemeinsames Hörspiel gestalten lassen – die einzelnen Schüler haben zu Hause ihre Tonspuren eingesprochen, Rinnagl hat diese dann zusammengefügt.

Gebete als Stütze

Dass manche Schüler aufgrund der aktuellen Situation überfordert sind, erlebt Egweils Pfarrvikar Florian Leppert. Er ist Religionslehrer in den 3. Klassen der Grundschule Nassenfels und Unterstall. „Unter normalen Umständen kann der Religionsunterricht eine Art Oase sein, Sorgen und Nöte auszusprechen“, meint Leppert. Dies sei gerade nicht mehr so leicht möglich:„Daher versuche ich momentan vermehrt, meinen Schülern das Gebet als Stütze in schweren Situationen nahezubringen.“ 

Am Willibald-Gymnasium unterrichtet Ulrike Laumeyer sowohl die jüngsten Schüler in der fünften Klasse als auch die ältesten in der Q12, die in diesem Jahr ihre Abiturprüfungen ablegen werden. Während es bei den „Kleinsten“ im Unterricht auch darum geht, dass sie ihre Sorgen und Ängste zum Ausdruck bringen dürfen, stehen in der Oberstufe inhaltlich schwierigere Themen an, die aufgrund ihrer Aktualität einen besonderen Reiz ausüben. „Im Rahmen von moraltheologischen Diskussionen sprechen wir hier etwa über medizinische Triage oder über die Gerechtigkeit bei der Verteilung des Impfstoffs. Hier kann man zeigen, dass christliche Lehre und Glaube mit unserem Leben zu tun haben und etwas zu sagen haben“, ist Laumeyer überzeugt. Gleichzeitig bedauert sie, dass das kirchliche Gemeindeleben in Form von Ministranten- oder Firmvorbereitungsgruppen derzeit nur sehr eingeschränkt stattfinden kann. Dem Religionsunterricht seien so Anknüpfungspunkte genommen. Die Schulgottesdienste der vergangenen Monate mussten komplett ausfallen, doch habe man sich immer bemüht, den Schülern Alternativen zu bieten: Das konnten kurze Filme, Gedanken oder auch eine Kresse-Saat-Aktion sein, um die Schüler in die Ferien zu verabschieden, bilanziert Laumeyer. Dabei wurde deutlich, dass der Distanzunterricht hilft, Schüler ganz unkompliziert zum Basteln anzuleiten: So bauten Fünftklässler voller Eifer biblische Szenen in Schuhkartons nach. Besonders stolz ist man am WG darauf, dass man wenigstens die traditionelle Weihnachtsaktion nicht der Pandemie opfern musste. Dabei waren über 9.000 Euro für eine Schule in Burundi (die KiZ berichtete) zusammengekommen. Die Beispiele zeigen, dass die Pandemie auch als Chance genutzt werden kann, um frischen Wind in den Unterricht zu bringen. Corona sei durchaus ein Beschleuniger des digitalen Unterrichts, sind sich die befragten Lehrer einig. Guter Religionsunterricht sei dann geboten, wenn er auch die Lebensumwelt der Schüler in den Blick nimmt. Derzeit ist das Leben sehr geprägt von den Einschränkungen der Pandemie. Diese Wirklichkeit, die die Jugendlichen in einem Maße mitnimmt wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr – und damit erstmals in deren Leben –, darf ein wertschätzender und authentischer Religionsunterricht nicht ignorieren und aus dem Blick verlieren.

Vielleicht ist die Stärke des Religionsunterrichts daher gerade zu Pandemie-Zeiten, dass es hier nicht nur um Vermittlung von Faktenwissen geht, sondern der Mensch mit seinen Fragen im Mittelpunkt stehen darf. 

Andreas Graf/Andrea Franzetti
 


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Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 16 vom 18. April 2021

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