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15.11.2019

„Wer Christ ist, kann kein Antisemit sein“ Menschen im Bistum gedenken der Opfer der Novemberpogrome / Sensibel und solidarisch sein

Der Novemberpogrome im Jahr 1938 gedachten Christen an verschiedenen Orten des Bistums.

In der Hofkirche in Neumarkt trafen sich katholische und evangelische Gläubige zu einem ökumenischen Gottesdienst. In einer besinnlichen Stunde ging es auch um den derzeitigen Antisemitismus und den jüngsten Angriff auf eine Synagoge in Halle.

Foto: Wittmann

Den jüngsten antisemitischen Anschlag in Halle thematisierten Pfarrer Stefan Wingen und Dekanin Christine Murner bei einer Gedenkfeier in der Neumarkter Hofkirche.                                 Foto: Wittmann

„Wir Christen erinnern uns heute an beides“, hob die evangelische Dekanin Christiane Murner zu Beginn hervor, „denn wir wollen wach bleiben.“ Es gehe darum, sich immer wieder neu der Verantwortung bewusst zu werden und „Diskriminierung jeglicher Art bereits im Entstehen zu verhindern“.

Vertreter des katholischen Dekanatsrats hatten zuvor Facetten von Hass und Diskriminierung gegenüber Juden dargestellt und dabei nacheinander die Lichter eines siebenarmigen Leuchters gelöscht.

In seiner Predigt ging der katholische Pfarrer Stefan Wingen auf den thüringischen AfD-Politiker Björn Höcke ein, der behauptete, Christentum und Judentum seien „Antagonisten“, die nicht miteinander in Einklang zu bringen seien. Wingen stellte klar: „Das Christentum ist ohne das Judentum nicht denkbar.“ Dennoch würden derzeit Leute, die sich nach dem Anschlag von Halle in der Öffentlichkeit mit den Juden in Deutschland solidarisch erklärten, mit Hass überzogen. Gott sei ein Freund des Lebens, hob der Geistliche hervor: „Wir brauchen mehr Sensibilität für die Wirklichkeit Gottes.“ Sein Credo laute daher: „Wer Christ ist, kann kein Antisemit sein, denn mein Gott ist Jude!“

Im Verlesen eines biblischen Klagepsalms und in den Fürbitten gedachten die Gläubigen nicht nur der Neumarkter Opfer der Novemberpogrome 1938, sondern auch der langen Geschichte von Missverständnissen, Ablehnung und Diskriminierung zwischen Christen und Juden. 

„Auch das Gebet und die Stille können Wirklichkeit verändern“, hatte Dekanatsreferent Christian Schrödl bereits im Vorfeld betont. Im Laufe des Gottesdienstes wurden daher wieder schrittweise die Lichter am siebenarmigen Leuchter entzündet.

Die Katholische Erwachsenenbildung (KEB) Weißenburg-Gunzenhausen hielt die Erinnerung ebenfalls wach: Der evangelische Religions- und Lateinlehrer Michael Weiße stellte im katholischen Pfarrzentrum Weißenburg das Werk „Die weiße Kreuzigung“ von Marc Chagall vor. Der Referent setzt sich seit seinem Studium mit der Bilderwelt des russisch-französischen Künstlers auseinander. Er erläuterte, welchen Stellenwert der Gekreuzigte im Werk des jüdisch geprägten Chagall spielt. „Die Kreuzigung“, die Chagall mit den Eindrücken nach der Reichs-pogromnacht fertigstellte, gilt als Lieblingsbild von Papst Franziskus.

„Erinnern heißt wachsam bleiben“, lautete das Motto einer Gedenkfeier im evangelischen Gemeindehaus in Heideck zum 9. November. Einem geschichtsträchtigen Datum, wie die Gäste hörten: Am 9. November vor 30 Jahren fiel die Berliner Mauer, an einem 9. November hatte Philipp Scheidemann 1918 die erste deutsche Republik ausgerufen, am 9. November 1923 scheiterte der Hitlerputsch in München. Zu den dunkelsten Kapiteln der deutschen Geschichte gehört aber der 9. November 1938, als in der „Reichspogromnacht“ jüdische Geschäfte und Synagogen brannten.

Mit jüdischer Musik umrahmte das Claus Raumberger-Ensemble die Feier. Dazwischen lasen Monika Kauderer sowie Anne und Manfred Klier verbindende Texte. In einerchronologischen Aufzählung wurde klar, wie die Juden in Deutschland ab dem Jahr 1933 immer mehr diskriminiert wurden. Stadtpfarrer Dr. Josef Schierl sprach die abschließenden Gedanken. Er forderte, dass der Maßstab menschlichen Handelns allein die göttlichen Gesetze sein müssten. Alle Diktatoren hätten sich am Baum der Erkenntnis vergriffen. Wenn sich der Mensch zum Entscheider über Gut und Böse mache, sei das stets von Übel gewesen.

Der Eichstätter Gesprächskreis Christentum-Judentum, der von der KEB im Landkreis getragen wird, hatte zu einem ökumenischen Gottesdienst in die Erlöserkirche nach Eichstätt eingeladen. Dompfarrer Domkapitular Josef Blomenhofer und Pfarrerin Christiane Rabus-Schuler erinnerten mahnend an die Ereignisse vor 81 Jahren. Mit dem Lied „Hevenu shalom alejchem“ endete die Gedenkfeier.

pr/vb/kli/gg/af


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Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 49 vom 08. Dezember 2019

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