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24.05.2019

„Wo Ihr lebt und was Euch bewegt“ Bittprozessionen heute: Mehr als Flurumgänge / Neue Wege in Ingolstädter Pfarrei Herz Jesu

Als die Katholiken vor drei Jahren das Heilige Jahr der Barmherzigkeit begingen, wurden für das Bistum Eichstätt vier „Missionare der Barmherzigkeit“ ernannt. Einer von ihnen war Klaus Meyer, Seelsorger der Pfarrei Herz Jesu im Süden von Ingolstadt. Auf der Suche „nach konkreten Möglichkeiten, meine Beauftragung umzusetzen“, knüpfte Meyer unter anderem bei einer religiösen Tradition an, die man eher in ländlichen Regionen als in einer Boomtown wie Ingolstadt erwartet: ...

Foto: pf/Schlagbauer

Unterwegs in einer Neubausiedlung im Süden von Ingolstadt:Den Bittgang haben der Pfarrer und sein Team zuvor persönlich bei allen Bewohnern angekündigt. Foto: pf/Schlagbauer

... den Bittgängen vor Christi Himmelfahrt. 

Seit 2016 finden in Herz Jesu an zwei Abenden hintereinander Segensgänge durch die Wohnviertel statt – und der Pfarrer lädt zuvor persönlich zur Teilnahme ein.

Von der Kirche, „die inmitten der Häuser ihrer Söhne und Töchter lebt“, hatte Papst Franziskus in Nr. 28 seines Apostolischen Schreibens „Evangelii gaudium“ gesprochen und dafür „missionarische Kreativität“ von Gemeinde und Pfarrer gefordert. Dieser Text treibe ihn schon lange um, meint Pfarrer Meyer. Dass er bereit war, für den direkten Kontakt zu den Menschen Zeit zu investieren, war ihm klar. Aber die Frage, wie man es konkret angehen sollte, brachte ihn ins Grübeln: „Man kann ja nicht einfach an der Haustür klingeln und sagen: Grüß Gott, hier bin ich. Man braucht einen Anlass für einen Besuch.“ Und so einen Anlass erkannte Meyer in der Einladung zum Bittgang durchs Viertel.

Herz Jesu ist eine junge Pfarrei, die Kirche wurde Anfang der 1960er-Jahre erbaut. In Sachen Bittgänge „gibt es da wenig Tradition“, erläutert der Pfarrer. Statt dreier werktäglicher Flurumgänge, wie in ländlichen Gegenden üblich, fand nur einer statt: Alljährlich ging es am Dienstag vor Christi Himmelfahrt von der Herz Jesu-Kirche nach Hundszell und nach der Messe wieder zurück. „Das war schon auch schön“, meint der Pfarrer. Aber er und sein Team seien schon länger auf der Suche nach neuen Wegen gewesen, als Kirche mitten unter die Menschen zu gehen. 

Hinweis per Hausbesuch

Inzwischen gibt es zwei Umgänge, montag- und dienstagabends, die entlang zweier Häuser-blöcke führen. Auf diese Weise seien seit der Einführung schon sechs verschiedene Ecken des Pfarrgebiets im Blickpunkt gestanden, informiert Meyer. Auf die Frage, ob ihm nicht die Straßen ausgehen, lacht er nur. Da gebe es noch viele Möglichkeiten, meint der Seelsorger, der jedes Jahr seine Sternsinger begleitet und dabei auch überlegt, wohin im Frühjahr die Bittprozessionen führen könnten.

Etwa eine Woche bevor es so weit ist, machen sich PfarrerMeyer, Diakon Thomas Gerl undnach Bedarf weitere Mitglieder des Pfarrteams auf den Weg zu allen Haustüren der betreffen- den Straßenzüge. Immer gegen Abend, weil die Leute dann amehesten daheim sind. Drei Tagelang plant Meyer jeweils rund drei Stunden ein, um seine Botschaft loszuwerden: „Wir wollen etwas Neues in Eurer Straße angehen: Einen Bittgang durch die Straßen Eures Viertels, um an Eurem Leben Anteil zu nehmen. Wir möchten se- hen, wo Ihr lebt, wie es Euch geht, was Euch bewegt. Alle wesentli- chen Bereiche des menschlichen Lebens, alle Gefahren und Sor- gen unserer Zeit, die persönlichen Bitten, die Anliegen der Pfarr- gemeinde und der ganzen Kirche sollen in das Gebet einbezogen werden.“ Wer nicht selbst mitgehenkann, findet auf dem Einladungs- zettel einen Abschnitt, um persön-liche Fürbitten und Anliegen auf- zuschreiben, die bei der Prozession mitgetragen werden. „Nicht gerade massenweise“ würden diese Zettelin den Fürbittkasten in der Kircheoder in den Briefkasten des Pfarr- büros eingeworfen, gibt Meyer Auskunft. Aber immerhin einDutzend Menschen mache jedes- mal davon Gebrauch.

„Wir sind bei Euch“

„Manche halten Hausbesuche für verstaubt“, überlegt Meyer,„ich finde sie immer noch wichtig“.Nur wenige Leute reagieren seiner Erfahrung nach ablehnend, wenn der Pfarrer vor der Haustür steht.In so einem Fall verabschiede mansich freundlich mit dem Hinweis: „Wir wollten nur informieren, damit Sie wissen, was nächste Woche hier los ist.“ Überwiegend ergäbensich kurze, nette Dialoge, manch- mal aber auch intensive Gespräche,erzählt der Pfarrer. Da gebe esLeute, die ihn mit dem Satz emp- fangen: „Wissens, ich bin eigentlich aus der Kirche ausgetreten“, die ihn dann dennoch hereinbitten und ihr Herz ausschütten. „Es freut mich, dass mal jemand von der Kirche kommt“, hört er immer wieder.Umgekehrt findet Meyer es schön,wenn er den Häusern Gesichter zuordnen kann, die ihm in seiner Arbeit als Seelsorger begegnet sind: bei einer Beerdigung, einer Hochzeit, einer Erstkommunion- feier. Manchmal ergebe sich aus dem Erstkontakt ein „Nachgang inForm eines weiteren Besuchs, demÜberbringen der Krankenkom- munion oder einer Haussegnung, berichtet der Pfarrer. Alles Er- fahrungen, die ihm unterm Strich zeigten: „Jawohl, das rentiert sich!“

Wenn dann der Abend des Bitt- gangs gekommen ist, dann heißt es: Kirche sichtbar machen – mitKreuz, Fahnen und liturgischem Dienst. Vier- bis fünfmal wirdangehalten zu einer Statio mitSchriftlesung, Lied, Fürbitten und Segnung. Das Motto verkündetMeyer schon am Anfang übers Mikrofon. Alle Anwohner, ganz gleich in welcher Lebenslage, seien mit ins Gebet eingeschlossen: „Wir sind heute Abend da – bei und mit Euch.“ 

Gabi Gess


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Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 25 vom 23. Juni 2019

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