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Serie: Lebensfragen - Lebenshilfe

30.10.2015

Alleinsein gehört zum Leben

Wenn ich in trüben Herbsttagen durch die Straßen und Parks unserer kleinen Stadt schlendere, kommt mir immer wieder die erste Strophe aus Hermann Hesses Gedicht "Im Nebel" in den Sinn: "Seltsam, im Nebel zu wandern!/Einsam ist jeder Busch und Stein,/Kein Baum sieht den andern,/Jeder ist allein".

Im Folgenden stelle ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, einige Gedanken über das Alleinsein – mit Gott an unserer Seite – vor:

Ohne Zweifel ist das Erleben von Glück und Erfüllung im Zusammensein mit lieben Mitmenschen etwas Wunderbares. Neben dem Bedürfnis nach inniger Bindung, etwa in einer Partnerschaft, gibt es in unserem Leben aber auch ein Streben nach Selbstständigkeit und Abgrenzung. Gerade für das lebendige Zusammenleben in einer Liebesbeziehung ist es nach Friederike von Tiedemann wichtig, dass sich jeder Partner eigenständig darum kümmert, seinen geliebten Interessen – seien es Hobbys, Freundschaften etc. – nachzugehen. Viele Paarprobleme liegen für die Freiburger Psychotherapeutin "in der Zwanghaftigkeit, fast alles gemeinsam erleben zu wollen und in dem Versuch, sich zu zweit vor der schmerzlichen Erfahrung von Einsamkeit zu schützen".

In vorbildlicher Weise sorgt beispielsweise der 52 Jahre alte Familienvater Uli für sich. Wie wohltuend er das Alleinsein auf einer Wanderung im ausklingenden Sommer erlebte, schildert er sehr feinfühlig mit folgenden Worten: "Da war dieses Wasser, und da war dieser Wind. Weich und warm, ein Streicheln fast. Der Fluss floss träge dahin. Der Himmel war hell und ohne Wolken. Und plötzlich war da diese Freude, jetzt hier sein zu dürfen. Die Schönheit genießen zu können, in diesem Moment, fort von den Menschen und dem Plärren der Zeit. Kein Dies, kein Das, keine Fragen, keine Antworten: nur Ruhe und Frieden und nicht mal Mücken. Einverständnis. Und der Gedanke: Mensch, du bist gerade allein. Mit dir. Und fühlst: dich wohl. Fehlt was? Fehlt wer? Wäre es nicht schöner, dieses Erlebnis jetzt mit einem anderen teilen zu können? Oh nein: Es ist gut so allein".

Zeit für uns selbst

"Stille von Zeit zu Zeit", befand der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski, "ist für den Menschen wichtiger als Essen und Trinken". Und der französische Philosoph Michel de Montaigne meinte: "Wir müssen uns ein Hinterstübchen zurückbehalten, ganz für uns, ganz ungestört, um aus dieser Abgeschiedenheit unseren wichtigsten Zufluchtsort zu machen, unsere wahre Freistatt."

Eine wissenschaftliche Studie  der Technischen Universität  Dresden stellte gerade fest, dass unsere Gesundheit davon abhängt, ob wir genug Zeit nur für uns selbst haben, jenseits von Freunden, Kindern und Familie. Wie ein Muskel seine Kraft aus dem Rhythmus zwischen Anspannung und Entspannung bezieht, braucht es auch im Alltag ein Gleich- maß der Dinge.

Auf den Umstand, dass ausgerechnet in unserer Hochgeschwindigkeitsgesellschaft vielen Personen ihre ursprüngliche Fähigkeit zur Selbstregulation, zum Alleinsein und zur bewussten Beschäftigung mit dem eigenen Innenleben verloren geht, weist Uli Hauser hin. "Es gibt", so der Autor, "nicht wenige Menschen, die sich vor ein paar Tagen ohne Freunde, Familie, Kollegen, Google, Facebook oder Twitter fürchten: vor diesen Momenten der langen Weile, der wummernden Stille, dem Mangel an Ablenkung."

Jetzt, wo ich die letzten Zeilen dieser Kolumne tippe, sehe ich, wie sich die Sonne nun doch noch ihren Weg durch die herbstliche Wolken- und Nebelschicht bahnt und vor meinem Fenster das Laub in den Bäumen feuerrot zu leuchten  beginnt. Ich gehe zu meinem Plattenspieler und lege Reinhard Mey´s Langspielplatte "Farben" mit dem Lied "Allein" auf. Zu einer wunderschönen Melodie singt der Liedermacher: "Allein,/wir sind allein,/Wir kommen und wir gehen ganz allein./Wir mögen  noch so sehr von Zuneigung  umgeben sein:/Die Kreuzwege des Lebens geh´n wir immer ganz allein./Allein,/Wir sind allein,/Wir kommen und wir gehen ganz allein".

Dr. Gerhard Nechwatal, Kirchenzeitung vom 1. November 2015

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 48 vom 29.11.2020

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