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Serie: Lebensfragen - Lebenshilfe

15.01.2016

Bewahren Sie sich Ihre Neugier!

Wenn auch dem Wort Neugier im Sinne einer Grenzüberschreitung ("Jemand steckt seine Nase in Dinge, die ihn nichts angehen") ein negativer Beigeschmack anhaftet, so möchte ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, an dieser Stelle einmal die positive Bedeutung der Neugier für unsere persönliche Entwicklung und für die Gestaltung unserer Liebesbeziehungen vorstellen.

In der Psychologie wird die Neugier – das Bedürfnis nach "mehr wissen wollen" oder "den Dingen auf den Grund gehen" – meist unter dem Stichwort "Erkundungsverhalten des Menschen" behandelt. Ohne Zweifel ist sie die zentrale Antriebskraft für die Entdeckung der Welt, sowohl bei Kindern wie bei Forschern. Ohne Neugier gäbe es keine Sprachentwicklung und keinen Laptop. Sehr anschaulich beschreiben im Folgenden zwei bekannten Personen den Einfluss der Neugier auf ihre persönliche Entwicklung: Ulrich Wickert, der langjährige Moderator der Tagesthemen, schreibt in seinem Buch "Neugier und Übermut": "Unerlässlich spendet mir die Neugier Energie. Die Neugier im Sinne von Wissbegierde treibt mich weiter an. Wenn ich für die Zukunft einen Wunsch frei hätte, dann würde ich um eine nie versiegende Quelle von Neugier bitten". Der Schriftsteller Max Kruse wünschte sich noch im Alter von 90 Jahren "ein Kind zu bleiben. Nur dann", so der Sohn der Puppenmacherin Käthe Kruse, "bleibt man neugierig". Obwohl wissenschaftliche Studien belegen, dass das Bedürfnis nach der Entdeckung von bisher Unbekanntem angeboren ist, so hängt doch der Umstand, wie stark sich die Neugier als individuelles Persönlichkeitsmerkmal entwickeln darf, in hohem Maß von der Umgebung ab, in welcher ein Mensch aufwächst.

Lebendige Partnerschaft

In der Phase der ersten Verliebtheit ist die Neugier ein wichtiger Motor der Annäherung. Die Gespräche von frisch Verliebten dauern lange, oft bis tief in die Nacht. Besonders an Paare, bei denen dieses anfängliche Interesse aneinander langsam nachlässt, appelliert der Paarberater Christian Thiel: "Bewahren Sie sich Ihre Neugier! Ihr Partner ist es wert, wie ein fremdes Land entdeckt und erforscht zu werden". Die Bereitschaft, immer wieder Neues über den Anderen zu lernen, hält die Partnerschaft lebendig. Schon Giacomo Casanova meinte: "Die Liebe besteht zu drei Vierteln aus Neugier".

In einer Liebesbeziehung sorgen das Vertraute, das Bekannte, die alltägliche Routine für die lebenswichtige Ruhe und Sicherheit. Da ich selbst eine sehr spannende und anspruchsvolle berufliche Tätigkeit ausübe, weiß ich besonders diesen Pol in meiner Partnerschaft zu schätzen. In diesem Zusammenhang stellt für mich folgender Aufruf von David Schnarch eine große Herausforderung dar: Nach dem Motto "Nicht immer im Restaurant Wiener Schnitzel bestellen und jedes Jahr am gleichen Ort Urlaub machen, sondern sich Einlassen auf unbekannte Erlebnisse", plädiert der derzeit bekannteste Paarforscher und Sexualwissenschaftler für einen steten Wechsel zwischen der "Routinezone" und der "Wachstumszone" in der Partnerschaft. Ein wechselnder Aufenthalt in beiden Zonen beugt seiner Ansicht nach der Monotonie und Langeweile in einer Liebesbeziehung vor.

Für das neue Jahr 2016 gebe ich Ihnen abschließend noch zwei Zitate mit auf den Weg. Der Schriftsteller Mark Twain schrieb einmal: "In zwanzig Jahren werden Sie eher von den Dingen enttäuscht sein, die Sie nicht getan haben. Lichten Sie also den Anker, und verlassen Sie den sicheren Hafen. Erkunden Sie. Entdecken Sie". Und die Altersexpertin Susanne Altweger meinte kürzlich in einer Fachzeitschrift: "Die Menschen jenseits der 70 sollten zwei ‚N‘ gegeneinander tauschen: Nostalgie gegen Neugier. Wer neugierig bleibt, bleibt jung. Zudem ist jede neue Herausforderung auch eine ideale Alzheimer-Prophylax".

Dr. Gerhard Nechwatal, Kirchenzeitung vom 17. Januar 2016

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 48 vom 29.11.2020

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