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Serie: Lebensfragen - Lebenshilfe

12.02.2016

Das Bedürfnis nach Trost

Foto und Gestaltung: Prof. Dr. Gerhard Nechwatal

Foto und Gestaltung: Prof. Dr. Gerhard Nechwatal

Noch bis zum 20. November 2016 begehen wir das von Papst Franziskus ausgerufene Heilige Jahr der Barmherzigkeit. Im Folgenden stelle ich Ihnen einige Gedanken zu einem der 14 Werke der Barmherzigkeit – dem Werk "Die Betrübten trösten" –  vor: Unter Trost verstehen wir, dass ein anderer Mensch uns durch seine  Zuwendung hilft, körperliche und seelische Schmerzen zu ertragen und diese gegebenenfalls abzumildern. Das Wort Trost geht auf den Wortstamm treu zurück, bezeichnet eine "innere  Festigkeit". Das griechische Wort für Trost bedeutet Ermutigung.

Durch die angeborenen Bindungsverhaltensweisen Weinen, Rufen, Protestieren, den Eltern Nachlaufen etc. zeigen Kinder in den ersten Wochen, Monaten und Jahren nach ihrer Geburt sehr deutlich, dass sie Trost brauchen. Diese Signale aktivieren das Fürsorgesystem ihrer Eltern.

Liebe Leserinnen und Leser, reflektieren Sie doch selbst einmal anhand folgender Fragen wie eine Geschichtsforscherin/ein Geschichtsforscher Ihre eigene Kindheits-Trostgeschichte: 1. An wen habe ich mich als Kind gewandt, als ich Trost gesucht habe? 2. Waren diese Personen immer da, als ich sie brauchte? 3. In welchen Situationen war es am wahrscheinlichsten, dass ich getröstet und beruhigt wurde? 4. Wie habe ich gezeigt, dass ich Trost brauche? 5. Haben mich die Personen, bei denen ich Trost und Schutz suchte, jemals hängen lassen? 6. Was habe ich von diesen Personen über Trost und Beruhigung gelernt? 7. Wenn niemand für mich da war, wie habe ich mich dann selbst getröstet? 8. Habe ich durch den Konsum von Alkohol, Drogen oder anderen Dingen versucht, ein Gefühl von Trost und Geborgenheit zu erhalten?

Meine Trostgeschichte

In einer Liebesbeziehung wünschen wir uns selbstverständlich, dass wir von unserem Partner  getröstet werden, wenn es uns schlecht geht. Angeregt durch die Autorin Doris Wolf möchte ich Sie an dieser Stelle noch einmal  einladen, anhand folgender Fragen kurz über Ihre persönliche Liebes-Trostgeschichte nachzudenken: 1. Gab es Situationen, in denen ich in der Lage war, mich meinem Partner gegenüber verletzlich zu zeigen? 2. Wie habe ich versucht, Trost in meiner Liebesbeziehung zu finden? 3. Woran konnte mein Partner erkennen, dass ich Trost brauchte? 4. Was tröstete mich am meisten (Worte, Berührungen, Gesten, tatkräftiges Handeln etc.)? 5. Was sollte mein Partner auf jeden Fall vermeiden, wenn er mich trösten möchte? 6. Wie kann ich meinen Partner am besten trösten?

Das Äußern des Bedürfnisses nach Trost wie auch das Geben von Trost in einer Partnerschaft ist gar nicht so einfach. Von Seiten  des Trostbedürftigen wie von Seiten des Tröstenden können Fehler gemacht werden. Wenn wir trostbedürftig sind, erhalten wir allzu oft dann keinen Trost, wenn wir 1. unserem Partner nicht mitteilen, dass es uns schlecht geht und erwarten, dass er dies selbst bemerkt; wenn wir 2. ihm nicht mitteilen, wie wir  uns seinen Beistand vorstellen und 3. wenn wir glauben, dass es eine Schwäche ist, Trost zu brauchen und deshalb nicht über unseren Kummer sprechen.

Unseren Partner zu trösten fällt uns schwer, wenn wir 1. nicht wahrnehmen – aus Zeitmangel, Unaufmerksamkeit etc. –, dass es ihm schlecht geht; wenn wir 2. nicht wissen, wie wir ihn trösten können; wenn wir 3. generell nicht gelernt haben, auf andere einzugehen; wenn wir 4. Angst vor negativen Gefühlen haben und uns deshalb zurückziehen und  5., wenn wir uns gerade über unseren Partner ärgern oder von ihm enttäuscht sind.

Abschließend möchte ich Ihnen noch einige Zeilen des Chorals "Abide with Me" (= Bleib bei mir, Herr), übersetzt von der kanadischen Paarforscherin Sue Johnson, vorstellen. Dieses wunderbare Musikstück ist zum einen ein Gebet zu Gott und verdeutlicht zum anderen das Urbedürfnis des Menschen nach Trost: "Bleib bei mir! Der Abend bricht herein./Es kommt die Nacht, die Finsternis fällt ein./Wo find ich Trost, wärst Du nicht hier?/Hilf dem, der hilflos ist: Bleib bei mir!"

Dr. Gerhard Nechwatal, Kirchenzeitung vom 14. Februar 2016

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 48 vom 29.11.2020

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