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Serie: Lebensfragen - Lebenshilfe

04.11.2016

Federn lassen und dennoch schweben

Die Ehe ist ein Weg, den zwei Menschen ein Leben lang miteinander gehen. Dabei zeigen sie sich gegenseitig ihre eigene Welt und betreten die des anderen. Manche Strecke ihres Weges gehen sie gemeinsam, manche getrennt. Manche erleben sie froh und lustvoll, manche mühsam und leidvoll. Liebe Leserinnen und Leser, im Folgenden stelle ich Ihnen sechs spannende Erkenntnisse aus der Paarforschung zum Weg der Liebe vor:

1. Noch nie haben im Laufe der Menschheitsgeschichte so viele Menschen so lange Zeit mit ein und demselben Partner zusammengelebt. Durch den Anstieg der Lebensdauer in den letzten Jahrzehnten hat sich die Spanne zwischen Heirat und Tod deutlich vergrößert. Das bedeutet zugleich eine ebenso verlängerte durchschnittliche Ehedauer. Eine ungeschiedene Ehe dauert heute dreimal so lange wie im Mittelalter.

2. Eine gelingende Partnerschaft ist für die Mehrzahl der Menschen der mit Abstand wichtigste Glücksbereich in ihrem Leben und rangiert für sie weit vor den Bereichen „Akzeptanz und Erfolg in der Gesellschaft“ und „finanzieller Wohlstand“.

3. Forschungsergebnisse der Beziehungsmedizin belegen: Wenn die zentralen Bindungswünsche (Sicherheit, Geborgenheit, Wertschätzung etc.) einer Person in einer Partnerschaft erfüllt werden, wirkt sich dies äußerst positiv auf deren Gesundheit aus.

Jahreszeiten der Liebe

4. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit erhalten Frauen wie Männer in unserer Gesellschaft die Entwicklungsaufgabe, ihre Ehe nach ihren eigenen Regeln und Erwartungen selbst zu gestalten. In einer Zeit, in der die Leitplanken der Tradition und des Selbstverständlichen brüchig geworden sind, stellt dies für die Partner in einer Liebes-beziehung eine große Herausforderung dar.

5. Neben der persönlichen Veränderung beider Partner verändert sich auch deren Partnerschaft im Laufe der Zeit. Die Phasen der Paarentwicklung vergleicht der Paartherapeut Hans Jellouschek mit den vier Jahreszeiten. Dabei entsprechen die Phasen „Junges Paar“, „Paar in der Familienphase“, „Paar in der zweiten Lebenshälfte“, „Altes Paar“ dem Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Diesen Jahreszeiten ordnet er die zentralen Entwicklungsaufgaben „Ein Paar werden“, „Ein Paar bleiben“, „Wieder ein Paar werden“ und „Als Paar alt werden“ zu. Das Gelingen der Übergänge vom Paar-Frühling bis zum Paar-Winter hängt entscheidend davon ab, wie sich die Partner auf Veränderungen in ihrem eigenen persönlichen Bereich, in Bezug auf Kinder, Ehe und die sie umgebende Welt einstellen können. Eine Untersuchung der US-amerikanischen Forscherinnen Judith S. Wallerstein und Sandra Blakeslee zeigte, dass die Ehepartner in den von ihnen untersuchten glücklichen Ehen in einem hohen Maß flexibel und offen für neue Ideen waren und – da ihnen bewusst war, dass sie nicht ewig jung und gesund bleiben werden – stets ein Auge auf die Zukunft hatten.

6. Soziologen sprechen schon seit einigen Jahren von einem deutlichen Bedeutungszuwachs der Ehe in unserer modernen Welt. Auch der Schweizer Paartherapeut Jürg Willi bestätigt dies. Seiner Ansicht nach gibt es derzeit „eine starke Sehnsucht nach Bindung, nach Nähe, Zärtlichkeit und stabiler Zweisamkeit. Alleinsein wird nur als Übergangsform akzeptiert, nicht aber als dauerhafte Lebensform. Ehe und Familie gelten wieder als ein Hort der Geborgenheit, dauerhafte Zweisamkeit als ein begehrtes Luxusgut“.

Liebe Leserinnen und Leser, eine „lange Liebe“ über die Jahre hinweg stabil und lebendig zu erhalten ist meiner Ansicht nach eine Lebenskunst. Diese muss stets an einer Lebensgrundlage ausgerichtet werden, welche die wunderbare Lyrikerin Hilde Domin mit folgenden Worten beschreibt: „Federn lassen und dennoch schweben.“

Dr. Gerhard Nechwatal, Kirchenzeitung vom 6. November 2016

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 21 vom 27.05.2018

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