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Serie: Lebensfragen - Lebenshilfe

02.10.2015

Lob der kleinen Glücksmomente

Schon seit der Antike hat die Suche nach der großen, umfassenden Lebensglückseligkeit (altgriechisch: eudaimonie) Konjunktur. Im Folgenden möchte  ich Ihnen aber einige Gedanken  zur Bedeutung der kleinen  Glücksmomente für unser Leben vorstellen:

Kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) verweist in einem Gespräch mit seinem Vertrauten Johann Peter Eckermann darauf, dass Glück für ihn nur ein zeitlich begrenztes Hochgefühl ist, welches im Leben gelegentlich in kurzen Episoden erreicht wird. Er meint: "Man hat mich immer als einen vom Glück Begünstigten gepriesen, auch will ich mich nicht beklagen (...) Allein, im Grunde ist es nichts als Mühe und Arbeit gewesen, und ich kann wohl sagen, dass ich mit meinen fünfundsiebzig Jahren keine vier Wochen eigentliches Behagen gehabt".

Eine anregende Fülle an kurzen  Schilderungen alltäglicher Glücksmomente veröffentlicht seit  einigen Jahren eine große deutsche  Wochenzeitung unter der Rubrik  "Was mein Leben reicher macht". Für den verantwortlichen Redakteur sind es letztlich "die kleinen Dinge, die das Leben schöner machen: eine von einem Fremden unerwartet überreichte Blume, ein Kuss im Aufzug vom ge- liebten Mann, der ruhige Atem der eigenen Kinder im Schlaf, das Schmunzeln der Kollegen im Büro".

Damit Sie einen Eindruck von den oft sehr berührenden Texten gewinnen können, stelle ich  Ihnen zwei Beispiele vor: "Es ist eigentlich ein armes Dorf. Arm  an Größe, arm an Luxus, überhaupt arm an materiellen Dingen. Aber nur wenn man es von außen betrachtet. In Wirklichkeit ist es ein reiches Dorf: reich an Gemeinschaft, reich an Glauben, reich an  Freude, reich an Klang, reich an Farbe und vor allem: reich an Stille. Das Dorf heißt Taizé. Erstaunlich, wie wenig ein Mensch an Materiellem benötigt. Auch um diese Erkenntnis hat Taizé mich bereichert" (C.N.).

"Mein Mann macht mein Leben reicher, wenn er nach über dreißig  Jahren Ehe immer ein paar Minuten  vor dem Weckerklingeln aufwacht und seinen Arm um mich legt.  In dieser Geborgenheit erwarten wir das Klingeln und den neuen Tag.  Er kann nur gut werden" (E.M.).

Momentensammler

Mich persönlich bewegen besonders Schilderungen von Stimmungen und Glücksmomenten, wenn sie in einem Lied oder Gedicht dargeboten werden. An dieser Stelle möchte ich Ihnen zunächst zwei Strophen und den Refrain aus dem Lied "Momentnsammler" von Werner Schmidbauer und Martin Kälberer vorstellen, und hoffe, dass Sie den im Dialekt verfassten Text auch ohne Übersetzung ins Hochdeutsch gut verstehen: "Der Nebel aufm Fluss in der Morgensonn, de Hand, de mir wer reicht, wenn i ned weiter konn, a Festl und an Gartn voller Freind und Kinder, paar Gitarrn, ums Feier sitzen und a Nacht lang singa, Momentnsammler, i bin Momentnsammler … Nix is so schee wia der Moment, wo ois so is wias ghert und as Leben kriagst einfach gschenkt. Und des allerbeste is dabei: Wennsd den  Moment gfundn host, is er vorbei".

Seinen Wunsch, dass das  Glück des Augenblicks doch möglichst lange verweilen  solle, drückt Helmut Zöpfl – ebenfalls im bayerischen Dialekt – in  seinem bekannten Gedicht "Geh weiter, Zeit bleib steh!" mit  folgenden Worten aus: "I sitz  mit dir auf ara Bank am Hinterbrühler See/ruck ganz zu dir  her, halt dei hand./I sieg und spür dei Näh./I grüabet net und lass alls sei/und denk bloß mehr an di./I bin so narrisch glücklich glei, grad no an Wunsch hätt i:/ Geh weiter, Zeit bleib steh,/dua mir den Gfalln, dua net vergeh!/  wart bloß a bisserl,/´s waar grad so schee!"

Abschließend möchte ich  Sie, liebe Leserinnen und Leser, dazu anregen, einmal in einer ruhigen Minute über Ihre ganz persönlichen Glücksmomente nachzudenken. Wenn Sie diese schönen Erinnerungen auch noch aufschreiben, gestalten Sie sich Ihre eigene Glücks-Schatzkiste,  in die Sie immer wieder einen Blick werfen können.

Dr. Gerhard Nechwatal, Kirchenzeitung vom 4. Oktober 2015

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 48 vom 29.11.2020

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