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Serie: Lebensfragen - Lebenshilfe

31.07.2015

Vergleichen gehört zum Leben

Josef vergleicht sich mit -Christian, Sabine mit Pia und das Liebespaar Rosi und Heinz vergleicht sich mit dem befreundeten Liebespaar -Margareta und Holger. Wir alle bewerten täglich unsere Fähigkeiten und Einstellungen, indem wir uns mit anderen vergleichen. Das -Ergebnis dieses Vergleichs beeinflusst dann unser Wohlbefinden – entweder positiv oder negativ.

Unter einem "aufwärts gerichteten" Vergleich wird in der Psychologie der Vergleich mit erfolgreicheren und -zufriedeneren Personen verstanden. Für das eigene Selbstwertgefühl stellt diese Vergleichsform eine große Herausforderung dar und ist nicht selten mit depressiven Gefühlen verbunden. In unnachahmlicher Weise hat Robert Gernhardt in seinem Gedicht "Immer" das Erleben einer Person beim "aufwärts gerichteten" Vergleich wie folgt beschrieben: "Immer einer behänder als du/ Du kriechst/ Er geht/ Du gehst/ Er läuft/ Du läufst/ Er fliegt: Einer immer noch behänder./ Immer einer begabter als du/ Du liest/ Er lernt/ Du lernst/ Er forscht/ Du forschst/ Er findet: Einer immer noch begabter./ Immer einer berühmter als du/ Du stehst in der Zeitung/ Er steht im Lexikon/ Du stehst im Lexikon/ Er steht in den Annalen/ Du stehst in den Annalen/ Er steht auf dem Sockel: Einer immer noch berühmter./ Immer einer betuchter als du/ Du wirst besprochen/ er wird gelesen/ Du wirst gelesen/ Er wird verschlungen/ Du wirst geschätzt/ Er wird gekauft: Einer immer noch betuchter./ Immer einer beliebter als du/ Du wirst gelobt/ er wird geliebt/ Du wirst geehrt/ Er wird verehrt/ Dir liegt man zu Füßen/ Ihn trägt man auf Händen: Einer immer noch beliebter./ Immer einer besser als du/ Du kränkelst/ Er liegt danieder/ Du stirbst/ Er verscheidet/ Du bist gerichtet/ Er ist gerettet: Einer immer noch besser/ Immer/ Immer/ Immer".

Der "abwärts gerichtete" Vergleich ist durch einen Vergleich mit Personen gekennzeichnet, denen es schlechter oder genauso schlecht geht, wie einem selbst. Der Vergleich mit weniger glücklichen oder gleich unglücklichen Personen stärkt das eigene Selbstwertgefühl und Wohlbefinden.

Hans-Werner Bierhoff und seine Koautorin Elke Rohmann thematisieren in ihrem Buch "Was die Liebe stark macht" das Phänomen der Bewertung der eigenen Liebesbeziehung im Vergleich mit anderen Partnerschaften. Wenn sich Liebespaare vergleichen, dienen ihnen den Autoren zufolge meist Partnerschaften "von Freunden, Verwandten und Bekannten oder Partnerschaften, die in -Filmen oder im Fernsehen dargestellt werden" als Vergleichsmaßstab. Nach Bierhoff/Rohmann gelten auch für Paare die eingangs erwähnten Vergleichsformen.

Führt beispielsweise ein "aufwärts gerichteter" sozialer Vergleich mit einer sehr glücklich eingeschätzten Partnerschaft dazu, dass die eigene Beziehung schlechter abschneidet als diese, resultiert daraus meist eine starke Enttäuschung. Ein weitaus positiveres Gefühl ergibt sich für ein Paar, das eigentlich nicht besonders glücklich ist, aber in einem Gespräch mit einem befreundeten Paar feststellt, dass deren Beziehung noch unglücklicher ist. Das Bewertungsergebnis dieses "abwärts gerichteten" Vergleichs stärkt das Paar nach dem Motto "So schlecht ist unsere Beziehung auch wieder nicht".

Meiner Ansicht nach wird die Entwicklung einer Partnerschaft durch ein gutes Wechselspiel zwischen "aufwärts gerichteten" und "abwärts gerichteten" Vergleichen gefördert. Wenn sich auch bei einem "aufwärts gerichteten" Vergleich eines wenig glücklichen Paares mit einem von ihnen als vorbildlich eingeschätzten Paar meist Enttäuschung und Neid einstellen, kann dieser Vergleich auch einen Lernprozess zur Verbesserung ihrer Partnerschaft in Gang setzen. Was sich zunächst negativ anfühlte, kann mittel- und langfristig positive Auswirkungen auf das Liebesglück haben.

Liebe Leserinnen und Leser, ich wünsche Ihnen, dass Sie als Paar ein gesundes Beziehungs-Selbstbewusstsein entwickeln, und dass Ihnen dieses Vergleichen nach dem Motto "Wir sind wir – und das ist gut so!" – trotz allem" viel positiven Schwung für Ihren gemeinsamen Weg zu zweit verleiht.

Dr. Gerhard Nechwatal, Kirchenzeitung vom 2. August 2015

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 48 vom 29.11.2020

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