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Serie: Lebensfragen - Lebenshilfe

03.07.2015

Warten, bis die Seele nachkommt

In jedem Lebensalter haben wir, ob alleine oder in einer Partnerschaft, spannende Entwicklungsaufgaben zu bewältigen. Schon in jungen Jahren müssen wir uns in einer Lehre oder an einer Hochschule fremdbestimmten Anforderungen stellen und versuchen, bestmögliche Leistungen zu erbringen. Im Alter zwischen zwanzig und dreißig gehen viele Liebespaare die Entwicklungsaufgaben "Gestaltung einer festen Partnerschaft" oder "Gründung einer Familie" mit viel Schwung und Begeisterung an.

Als mich kürzlich Lisa (29 Jahre) und ihr gleichaltriger Ehemann Fabian an der Psychologischen Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensberatung aufsuchten, wurde mir deutlich, welchen psychischen Stress die anfallenden Aufgaben und das rasante Entwicklungstempo bei einem jungen Paar auslösen können.

Schon mit 23 Jahren schloss Fabian sein Elektrotechnikstudium mit Auszeichnung ab. Zwei Monate nach Erhalt der Master-Urkunde begann er 600 km von seinem bisherigen Wohnort eine anspruchsvolle Tätigkeit in einem großen Energiekonzern. Seine gleichaltrige Freundin Lisa, in die er sich im letzten Jahr an der Uni verliebt hatte, schloss im gleichen Monat wie er ihr Pädagogikstudium ab und zog mit ihm in eine schöne Wohnung in der Nähe seines Arbeitsplatzes. Ein halbes Jahr später heirateten die beiden und ihre Tochter Anna kam neun Monate später zur Welt. Während Lisa sich in der Folgezeit ganz um das Wohlergehen der kleinen Tochter kümmerte und mit viel Geschick den Haushalt in der gemütlichen Wohnung schmiss, wurde Fabians Karriere von dessen Vorgesetzten tatkräftig gefördert. Diese Unterstützung endete aber von einem Tag auf den anderen. Nachdem sein Abteilungsleiter an einen anderen Standort des Konzerns versetzt wurde, erhielt Fabian plötzlich keine interessanten Projekte zur Bearbeitung mehr und fühlte sich in seinem Beruf zunehmend unterfordert. Die Pläne von Lisa, nach dem vierten Geburtstag von Anna als Pädagogin in einem begrenzten Umfang an einer kleinen Privatschule Unterricht zu erteilen, wurden durch eine erneute Schwangerschaft unterbrochen. Obwohl nach der Geburt des kleinen Luis alle von dem süßen Kleinen total begeistert waren, kam es zwischen Fabian und Lisa immer öfter zu Streitereien. Kurz vor Lisas neunundzwanzigstem Geburtstag erklärte ihr Fabian, dass er sich schon seit über einem Jahr sehr unglücklich fühle und ihr gegenüber keine Liebesgefühle mehr empfinde.

Indianerweisheit

Schon während mir die beiden ihr aufregendes Leben schilderten, das sie in den letzten sechs Jahren geführt haben, gewann ich zunehmend den Eindruck, dass ihre seelische Entwicklung seit langer Zeit von dem extremen Tempo der zahlreichen Ereignisse – Studienabschluss, Umzug, Berufseinstieg, Heirat, Geburt der Kinder etc. – überrollt wurde.

Wir vereinbarten einen neuen Termin und als ich mich von Fabian und Lisa verabschiedete, gab ich ihnen noch eine Kopie folgender Geschichte mit auf den Weg. Sie heißt "Die Weisheit des Indianers": Im Norden der USA macht sich ein Indianer zu Fuß auf den Weg zu seinem Bruder, der 500 Meilen südlicher wohnt. Nach einiger Zeit des Fußmarsches hält ein Auto auf dem Highway. Der junge Fahrer lädt den Fußgänger ein mitzufahren. Auf der Fahrt erzählt er über die neuesten Errungenschaften der Automobilindustrie und zeigt stolz die vielfältige Ausstattung seines Autos: Drehzahlmesser, elektronische Öldruckmessung, Außentemperaturangabe, Dunkelheitssensoren, er rühmt die Drehfreudigkeit des 12-Zylinder-Motors, nicht ohne eine Kostprobe der Höchstgeschwindigkeit zu geben. Kurz darauf bittet sein Beifahrer, aussteigen zu dürfen. Der Wagen wird angehalten, und der Indianer setzt sich an den Wegesrand und beginnt zu meditieren. Der junge Amerikaner ist darüber sehr erstaunt und fragt, weshalb der Indianer so viel Zeit vergeude, es wären noch 400 Meilen zu dessen Bruder zu fahren. Darauf antwortet der Indianer, er müsse hier an der Straße warten, bis seine Seele nachgekommen sei".

Liebe Leserinnen und Leser, ich wünsche Ihnen von Herzen, dass auch Sie ein Gespür dafür entwickeln, wann es in Ihrem ereignisreichen Leben wieder einmal an der Zeit ist, in Ruhe darauf zu warten, dass ihre Seele nachkommt. Nach den letzten Gesprächen mit Fabian und Lisa bin ich sicher, die beiden schaffen das.

Dr. Gerhard Nechwatal, Kirchenzeitung vom 5. Juli 2015

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 48 vom 29.11.2020

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