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Serie: Lebensfragen - Lebenshilfe

04.09.2015

Zehn Zentimeter größer

In seiner Kolumne "Wie man glücklich wird" schildert der Schriftsteller Axel Hacke als Ich-Erzähler, wie er mit seinem fünfjährigen Sohn Luis eine Schranke bastelte. Als beide ihr Werk vollendet hatten, kam Paola – Hackes Frau und Luis’ Mutter  in dieser Geschichte – vom Einkaufen, blieb vor der Schranke stehen und meinte: "‛Was ist das denn?’. ‛Eine Schranke’ sagte Luis. ‛Siehst du doch’. ­Er klappte die Schranke auf, ließ Paola ­gehen, klappte die Schranke zu und sah dabei aus, als wäre er in der Zeit zehn Zentimeter größer ge- worden." Auch ich erinnere mich gerne an solche schönen Er- fahrungen. Heute noch bin ich meinem Doktorvater dafür dankbar, dass er mich bei unseren zahl- reichen Fachgesprächen in einem italienischen Cafe mit seiner wertschätzenden Art immer wieder derart aufbaute, dass ich mich –  ähnlich wie Luis – beim Verlassen des Lokals stets zehn Zentimeter  größer fühlte. Im Folgenden  möchte ich Ihnen einige ­Gedanken über die Bedeutung solcher "Zehn Zentimeter größer" – ­Erlebnisse für die Entwicklung unseres Selbstwertes über die Lebensspanne hinweg vorstellen:

Da wir uns in unterschiedlichem Maße immer wieder ­Fragen stellen wie "Kann ich was?", "Kann ich etwas besser als andere?" oder "Wie beurteilen mich meine Mitmenschen?", wird in der Psychologie davon aus- gegangen, dass besonders anerkennende, respektvolle und  lobende Rückmeldungen unseren Selbstwert –umgangssprachlich auch Selbstwertgefühl oder Selbstbewusstsein genannt – stärken. Ob aus dem Kreise unserer Verwandten, Freunde oder  Arbeitskollegen: Jede positive Rückmeldung zur eigenen Person oder zu einer eigenen Leistung baut unseren Selbstwert auf.  Unsere seelische Gesundheit wird durch wohltuende Worte und  Gesten nachhaltig gefördert. Je stärker unser Selbstwert wird, desto kleiner und lösbarer er- scheinen uns Probleme und desto resilienter beziehungsweise widerstandsfähiger sind wir gegenüber Belastungen und Stress.

Eine besondere Rolle spielen in diesem Zusammenhang selbstwertstärkende Rückmeldungen zwischen den Partnern in einer Liebesbeziehung. Nach Ansicht des bekannten Paarforschers Jürg Willi "stimuliert nichts unsere persönliche Entwicklung stärker als eine konstruktive Liebesbeziehung". Daher sind in dieser Hinsicht Äußerungen wie "Mein Schatz, es ist schön, dass es dich gibt", "In diesem Kleid siehst du besonders toll aus", "Hut ab – wie du das wieder hinbekommen hast", "Gut bist du gefahren", "Den Text, den du auf die Glückwunschkarte geschrieben hast, finde ich super", "Ich freue mich, dass du von deiner Dienstreise wieder wohlbehalten zurückgekehrt bist" einfach Gold wert.

Die Bedeutung von wertschätzenden Rückmeldungen und Komplimenten ist gerade in  unserer Kultur, in welcher mit  Lob und Anerkennung seit Jahrzehnten nach dem Motto "Bassd scho" oder "Net gschimpft ist gnug globt" äußerst sparsam umgegangen wird, besonders groß. Meiner Meinung nach sollten wir – ob in der Partnerschaft, in der Familie, in der Erziehung oder am Arbeitsplatz – in Zukunft  aufmerksamer dafür werden, um unsere Mitmenschen erstens "beim Gelingen zu erwischen" und zweitens ihnen die wichtige anerkennende Rückmeldung zu schenken.

Spannend wäre es an dieser Stelle auf weitere Themen wie "Probleme beim Annehmen  und Geben von Lob", "Schwankungen des Selbstwerterlebens und Selbstwertkrisen im Laufe des Lebens (Pubertät etc.)", "Auswirkungen der warmen Rück- melde-Dusche bei Selbstzweifeln", "Machen Frauen ihren Selbstwert stärker als Männer von Rückmeldungen anderer ab- hängig?"  oder "Das Selbstwertgefühl lässt sich wie ein Muskel durch gezieltes Training stärken" einzugehen. Dies ist aber wegen der Begrenztheit des Formates dieser Kolumne nicht möglich.

Abschließend möchte ich Sie,  liebe Leserinnen und Leser,  ermutigen, ganz nach Erich  Kästners Spruch "Es gibt nichts  Gutes, außer man tut es", in den  nächsten Tagen einer Person in  Ihrem Umfeld eine anerkennende  Rückmeldung zu geben. Ich bin  mir sicher, diese fühlt sich danach zehn Zentimeter größer.

Dr. Gerhard Nechwatal, Kirchenzeitung vom  6. September 2015

Kirchenzeitung - Ausgabe Nr. 48 vom 29.11.2020

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