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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

07.10.2016

Begegnung im Grenzgebiet

Christus als Heiler: Ausschnitt aus dem barocken Deckenfresko der Stadtpfarrkirche St. Ägidius in Dietfurt an der Altmühl. Foto: Kreitmeir

Christus als Heiler: Ausschnitt aus dem barocken Deckenfresko der Stadtpfarrkirche St. Ägidius in Dietfurt an der Altmühl. Foto: Kreitmeir

Jesus trifft auf seiner Wanderung nach Jerusalem auf Menschen, die anders sind als seine Landsleute, Gott anders verehren, vor allem ablehnend denen gegenüber sind, die nach Jerusalem ziehen und sich als bekennende Juden ausweisen. Das Grenzgebiet ist voller Unsicherheiten. Das bedeutet, dass man auch seelisch in ein Grenzgebiet geht, dass Ängste aufkommen, dass es Zusammenstöße gibt, dass herzliche Gastfreundschaft kaum anzutreffen ist, eher verschlossene, misstrauische Gesichter.

Hier auf diesem Feld tauchen die Aussätzigen auf. Man darf annehmen, dass sie sich, überall abgewiesen und vertrieben, wenigstens im Grenzgebiet aufhalten dürfen. Für Jerusalempilger sind sie Träger einer kultischen Unreinheit. Das Schicksal der Aussätzigen ist ein herzzerreißendes Elend, wie es die Ärztin Ruth Pfau in Pakistan und Afghanistan heute noch antrifft und in ihrem packenden Buch „Das letzte wird die Liebe sein“ schildert.

Als junge Ordensschwester und Ärztin entdeckte sie in der Sorge um die Kranken ihre Berufung. In einer kleinen Hütte mitten im Slum errichtete sie eine provisorische Station zur Behandlung der Leprakranken. Es war in einem Gebiet jenseits der Zivilisation. Genau an einem solchen Ort dürfen wir die Aussätzigen vermuten, denen Jesus begegnet. Man kann sich vorstellen, mit welcher Kraft, sogar Verzweiflung der Satz gerufen, ja geschrien wird: „Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!“ (Lk 17, 13) Es ist die letzte Hoffnung und der ganze Einsatz dessen, was ein Mensch aufzubieten hat.

Situationen wie diese kann man auch als Grenzgebiet bezeichnen zwischen einem gesicherten, bürgerlichen Leben und einem, wo nichts mehr normal läuft, wo es um das bloße Überleben geht und der volle Einsatz gefordert wird.

Die Heilung der Aussätzigen war mehr als eine körperliche Genesung. Damit verbunden war, was wir heute Resozialisierung nennen. Der Weg zu den Priestern sollte die offizielle Anerkennung ihrer Gesundheit bedeuten. Damit durften sie wieder in das normale Leben zurückkehren, wieder heim in ihr Dorf, zu ihrer Familie. Sie dachten an nichts anderes mehr. Warum der eine zu Jesus zurückkehrte, darin dürfen wir noch etwas ganz anderes vermuten. Er war eingetaucht in die Atmosphäre, die Jesus verbreitete. Es war in ihm eine Freude aufgebrochen, die selbst die Heimkehr verblassen ließ. Er war innerlich ein anderer geworden: nicht mehr der ausgestoßene, verachtete Samariter, der in der Gruppe der Unglücklichen auch nur der letzte war. Er spürte Freiheit und Daheimsein, etwas Kostbares, als ob die ganze Welt ihm gehören würde. Wir können diese innere Gestimmtheit gewiss nur vermuten. Aber der Dank, der ihn einen weiten Weg noch einmal gehen ließ, kommt nur aus einem mit Glück erfüllten Herzen

P. Guido Kreppold OFMCap, Kirchenzeitung vom 09.10.2016

P. Guido Kreppold OFMCap wurde 1939 geboren. Der Ordenspriester und Diplompsychologe war unter anderem als Religionslehrer und Jugendseelsorger im Einsatz. Seit Ende der 1970er-Jahre hat er sich als Prediger, Referent und Autor einen Namen gemacht. Nach Lebens- und Arbeitsstationen in Mainburg, Würzburg, Aschaffenburg und Augsburg, wirkte der Kapuziner mit dem Themenschwerpunkten therapeutische Seelsorge und spiritueller Bildung in Eichstätt und seit 2012 in Ingolstadt.

Lesungen zum 28. Sonntag im Jahreskreis am 9. Oktober 2016

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